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17.11.2011

15:27 Uhr

B.wertet

Wie Banker mit der Angst Milliarden verdienen

VonChristine Bortenlänger

Banker stehen seit Urgedenken am Pranger der öffentlichen Moral. Doch warum eigentlich? Und vor allem: Tun sie das zurecht? Fest steht, dass sie die Angst der Menschen für sich nutzen. Und das wird immer schlimmer.

Bestsellerautor Robert Harris hat ein Buch über Hedge Fonds geschrieben. dpa

Bestsellerautor Robert Harris hat ein Buch über Hedge Fonds geschrieben.

Skrupellose Investmentbanker setzen intelligente Computerprogramme für ihren Aktienhandel ein und gewinnen damit gewaltige Summen. Sie nutzen dabei raffiniert und raffgierig die Angst der Menschen aus und maximieren so die Gewinne ihrer Börsengeschäfte. Moral? Fehlanzeige. So liest sich der neueste Roman von Robert Harris „Angst“.

Der Bestsellerautor ist bekannt geworden, weil einige seiner Bücher, beispielsweise „Enigma“ oder „Vaterland“, erfolgreich verfilmt wurden. Mit „Angst“ trifft er ziemlich genau die jetzige Gemütslage weiter Teile der Gesellschaft. Agieren die dunklen Mächte der Finanzmärkte in der Realität nicht genau so? Man bedarf keiner prophetischen Gabe, um festzustellen, dass Harris damit wieder einen Bestseller landen wird.

Robert Harris und seine Idee

Der perfekte Hedge Fonds

In seinem Roman „Angst“ entwirft Robert Harris eine Idee, die erschreckender kaum sein könnte. Ein Wissenschaftler entwickelt eine Methode, wie ein Hedge Fonds funktionieren könnte. Das erschreckende an dem Buch ist, dass selbst die verrückteste Begebenheit glaubwürdig klingt.

Der Held, der keiner ist

Die Hauptperson in Harris’ Buch heißt Alex Hoffmann. Der US-Wissenschaftler hat früher beim CERN geforscht, sich vor acht Jahren aber selbstständig gemacht. Inzwischen ist sein Hedgefonds einer der erfolgreichsten der Welt, er selbst rund eine Milliarde schwer.

Das Prinzip

Grundsätzlich arbeitet Hoffmanns Team nach einfachen Prinzipien: Sie kaufen ein paar hundert verschiedene Werte und handeln damit in einem 24-Stunden-Rhythmus. Meist handelt es sich um liquide Futures etwa aus dem Dow Jones oder dem S&P 500 sowie die üblichen Rohstoffe. Grundsätzlich gilt: Der beste Wegweiser ist die Vergangenheit.

Rolle der Händler

Doch die Händler entscheiden nur sehr bedingt selbst, was der Hedge Fonds kauft und was nicht. Das übernimmt ein Algorithmus. Hoffmann hat ihn entwickelt und über die Jahre verfeinert.

Der Algorithmus

Der Algorithmus bestimmt die Positionen, die der Hedge Fonds hält, auf der Basis detaillierter Analysen vorangegangener Entwicklungen. Das alles findet im Hochfrequenzhandel statt. Das heißt, die Positionen werden nur wenige Millisekunden lang gehalten.

Woher kommt der Erfolg?

Der Algorithmus ist gerade bei fallenden Kursen erfolgreich, weil der Mensch in schwierigen Situationen am berechenbarsten funktioniert. In Panik handelt er auf eine Art und Weise, die ein Computer relativ leicht vorausahnen kann.

Rolle der Angst

Der Algorithmus wäre natürlich vollkommen überfordert, alle menschlichen Verhaltensweisen vorausberechnen zu müssen. Daher hat sich Hoffmann auf eine wesentliche Emotion beschränkt: die Angst.

Szenenwechsel: Florenz, Palazzo Strozzi. Der eindrucksvolle, eher wie eine Trutzburg wirkende Palast aus der Früh-Renaissance beherbergt derzeit eine Ausstellung unter dem vielsagenden Titel „Geld und Schönheit. Bankiers, Botticelli und das Fegefeuer der Eitelkeiten“. Die Erbauer des Palastes – die Strozzi – waren eine erfolgreiche Bankiersfamilie und die Ausstellung widmet sich so im passenden Ambiente dem frühen Bankwesen in Italien und den Aufträgen der Bankiers an die Künstler ihrer Zeit.

Die damaligen Bankiers trieb dabei mindestens so sehr die Angst vor dem Fegefeuer wie die reine Eitelkeit zu ihren Aufträgen. Immerhin, wir haben den Familien Strozzi, Medici, Fugger und wie sie alle heißen und ihrer Sorge um ihr Seelenheil unsterbliche Kunstwerke zu verdanken.

Als Kunstgenießer profitieren wir also von der Angst früherer Zeiten, während heutige Investmentbanker aus der Angst der Gegenwart Profite ziehen? Aber funktioniert die Welt der Investmentbanker und Hedge-Fonds-Manager so, wie in Robert Harris‘ Roman beschrieben? Teilweise vielleicht. Zu einem sehr viel größeren Teil aber nicht.

Kommentare (3)

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Moral

17.11.2011, 15:56 Uhr

Man kann den Gedanken jedoch meines Erachtens nicht verallgemeinern und auf die breite Masse der Banker beziehen.
Was würden sie machen, wenn ihnen ihr Chef sagt, machen sie dies und das und das sofort. Die Antwort ist sie würden es machen. Es verdienen nicht alle Banker an Verkäufen oder Gewinnen der eigenen Bank, ihr Schalterbankangestelter bekommt öfters weniger als ihr Gegenüber. Ich finde es muss in der Wortwahl darauf geachtet werden, dass die Entscheidungen immer von oben nach unten gereicht werden.

Logo23

17.11.2011, 18:45 Uhr

Das Streben nach Prestige ist ja weder bei Bankern noch in der Gesellschaft zu verdammen. Zu verdammen ist, dass das kapitalistische "Spiel" in eine Schieflage gebracht wurde. Bankangestellte (Vorstände und Investmentbanker) haben das Zusammenspiel von Bankvorständen, Aufsichtsräten und Aktionären zu ihren Gunsten verfälscht. Sie beanspruchen - als wären sie die Eigentümer der Bank - den Löwenanteil des Gewinns. Durch die angefachte Gier haben sie sich das Spiel vereinfacht durch Ratingagenturen und Computerprogramme. Heute sind Banken die Gelddruckmaschinen ihrer leitenden Angestellten. Da ist die Sucht nach Prestige aus dem Ruder gelaufen. Es hat niemand die "Jungs" in die Schranken verwiesen.

Account gelöscht!

21.11.2011, 10:35 Uhr

Die Schuld der Gesellschaft aufzubürgen ist wahrlich ein Stück bodenlose Frechheit. Wie hoch ist denn Bitte der Anteil der Bürger, deren Prestige gefährdet ist? Welchen Einfluss hat ein aufgeblähtes gewinnmaximierendes soziales System wie die Börse auf die Gesellschaft. Ich behaupte es ist zum größeren Teil der Einfluss der gierigen Eigennutzmaximierer, die den homo oeconomicus in die Gesellschaft tragen. Sie haben vor lauter Volatilität wohl den Draht zur Realität verloren. Steigen Sie bitte herab aus dem Turm und fangen Sie mal an zu erleben.

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