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09.01.2008

06:39 Uhr

Bear Stearns

Analyse: Die Zeit war längst reif

VonRob Cox (breakingviews.com)

Jimmy Cayne gibt das Staffelholz des Vorstandsvorsitzenden endlich weiter. Der Führunsgsstil des 73-Jährigen, der die US-Investmentbank Bear Stearns in ihren dunkelsten Stunden von Golfplatz und Bridgetisch leitete, war zuletzt mehr als nur peinlich.

Jimmy Cayne gibt das Staffelholz endlich weiter. Noch ist der 73-jährige Chef der US-Investmentbank Bear Stearns zwar nicht bereit, das Unternehmen endgültig zu verlassen. Dem Direktorium der fünftgrößten US-Investmentbank steht er auch weiter vor. Doch immerhin tritt er nun nach 15 Jahren das Amt des Vorsitzenden an Investmentbanking-Chef Alan Schwartz ab. Die Zeit ist längst reif. Caynes Management während der Finanzkrise bei Bear Stearns von Golfplatz und Bridgetisch aus war mehr als nur peinlich - er gab damit den berühmt gewordenen Ruf des Unternehmens als eine der Risikomanagement-Bastionen an Wall Street preis. Cayne verbrachte im Juli zehn von 21 Arbeitstagen damit, entweder Golf oder Bridge zu spielen. Zur gleichen Zeit platzten bei Bear Stearns zwei Hedgefonds.

Das war nicht das einzige Fehlverhalten. Der abrupte Rausschmiss seines Vertreters und vermeintlichen Erben Warren Spector hinterließ den Beigeschmack, dass hier der schwarze Peter weitergegeben wurde. Und Enthüllungen im Wall Street Journal, dass Cayne einem Marihuana-Pfeifchen nach einem anstrengenden Tag am Bridgetisch nicht abgeneigt sei, trugen zum Eindruck eines, ähem, gleichgültigen Führungsstils Caynes bei. Alle Faktoren zusammengenommen machten es selbst Caynes handverlesenem Vorstand schwer, seine unqualifizierte Unterstützung weiter aufrecht zu erhalten.

Der Todesstoß kam aber sicher von der Finanzseite. Im vergangenen Monat musste Bear Stearns den ersten Verlust in seiner 84-jährigen Geschichte bekanntgeben. Der Aktienkurs rutschte innerhalb eines Jahres von 173 Dollar auf heute 76 Dollar. Damit liegt der Kurs nicht nur unterhalb des Buchwerts des Unternehmens, diese Performance ist noch schlechter als die von Merrill Lynch, wo größere Verluste und die Trennung von der Unternehmensleitung zu verdauen waren. Das Bild spiegelt die Sorge der Investoren, Bear Stearns könnte gegenüber seinen eher global ausgerichteten Konkurrenten zu schwach abschneiden, sei es gegenüber Merrill im Investmentbanking oder gegenüber Goldman Sachs im Primebrokerage.

Dieses Erbe ist Cayne zu verdanken. Während die Geschäfte an der Wall Street zunehmend globaler wurden, stand Bear Stearns weitgehend still. Die Diskrepanz zwischen Bears Schicksal und dem des früheren US-Kollegen auf dem Bondmarkt, Lehman Brothers, ist frappierend. Wenn Cayne jetzt vom Tagesgeschäft abrückt, könnte Schwartz mehr Spielraum erhalten, die Expansion zu beschleunigen, vielleicht mithilfe einer Finanzspritze aus dem Ausland. Hält Cayne allerdings am Aufsichtsratsvorsitz fest, erscheint die Zukunft der Investmentbank bestenfalls halbgar.

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