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12.04.2014

18:34 Uhr

Borussia Dortmund

Die Hoffnung im Windschatten der großen Bayern

VonMichael Steinbrecher

Den Bayern ist derzeit alles zuzutrauen. Auch, dass sie das Triple wiederholen. Dieser Erfolg wäre einzigartig, selbst für den FCB. Doch hinter den übermächtigen Münchnern macht die jüngste Entwicklung des BVB Hoffnung.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Den BVB, mit dem sich die Bayern heute in München messen, haben die Bayern sportlich vorübergehend abgehängt. Aber der Auftritt der Dortmunder im Rückspiel gegen Real Madrid hat gezeigt: Auch Klopps Team dreht weiter am ganz großen Rad. Selbst wenn sich die Fans zwischenzeitlich von Illusionen verabschieden mussten.

Rückblende. Ottmar Hitzfeld nannte es ein „modernes Märchen“. Borussia Dortmund wurde 2011 Deutscher Meister mit einer Mannschaft, die für Außenstehende wie aus dem Nichts entstanden war. Natürlich, an Klopp kam schon in den Jahren zuvor niemand vorbei. Jeder hatte gesehen, dass er den zuvor intern zerstrittenen Verein wieder zusammen geführt hatte. Aber plötzlich entstand eine sportliche Eigendynamik, wie geschaffen für Fußball-Romantiker. Eine solche Ansammlung von jungen, talentierten Spielern hatte der deutsche Fußball seit den Gladbacher Fohlen nicht mehr gesehen.

Mats Hummels, von den Bayern nicht tatkräftig genug wertgeschätzt, avancierte gemeinsam mit Subotic zur besten Innenverteidigung der Liga. Nuri Sahin, in der Dortmunder Jugend groß geworden, spielte seine bis heute beste Saison. Mit Kevin Großkreutz wurde ein Ur-Dortmunder zur emotionalen Leitfigur im Team. Dazu tauchten plötzlich Spieler wie Schmelzer und Kagawa auf und wurden zu Leistungsträgern. Barrios traf wie er wollte, Lewandowski machte seine ersten Tore für den BVB. Wer hätte gedacht, dass aus ihm einer der besten Stürmer der Welt werden würde? Und dann war da noch Mario Götze, die Ausnahmeerscheinung.

Keiner von ihnen wurde für teures Geld gekauft. Die Mannschaft schien wie eine Clique aus Spielern um die zwanzig, die sich gefunden hatte, um Deutschland und Europa aus den Angeln zu heben. Eine verschworene Gemeinschaft, für die der gemeinsame Traum wichtiger zu sein schien als die marktüblichen Verlockungen. Gleichzeitig stieg der Marktwert des Teams stetig an. Aus Vereinssicht konnte man in dieser Zeit in Dortmund den Millionen beim Wachsen zusehen.

Bayern im Pokalfinale deklassiert

Wir wissen, wie es weiterging. Ein Jahr später holt der BVB zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte das Double und deklassiert im Pokalfinale die Bayern. Eine Demütigung für den Rekordmeister. Wieder ein Jahr später stehen die Dortmunder gemeinsam mit den Bayern in Wembley im Finale der Champions League. Doch auf dem Weg dahin war ein Traum geplatzt.

Schon vorher hatten Spieler den Verein verlassen. Denken wir an Sahin, Barrios und Kagawa. Aber erst der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern markiert das Ende des modernen Märchens. Ein Realitätsschock, der bei den Fans Wut und Enttäuschung auslöst. Klopp und die Vereinsspitze betonen, dass Götze sich korrekt und loyal verhalten hat, aber sie dringen nicht recht durch. Und das Imperium schlägt zurück. Nicht der BVB, sondern die Bayern erobern Europa. Besiegelt wird der Rollenwechsel endgültig vor einem halben Jahr beim Liga-Hinspiel in Dortmund. Mario Götze wird zunächst von den Dortmunder Fans ausgepfiffen, dann macht er unnachahmlich das 1:0 für die Bayern. Stille im Stadion. Aus Wut wird Traurigkeit. Denn jedem BVB-Fan wurde durch das Tor vor Augen geführt, was sie verloren hatten.

Die Bayern können mit der aktuellen Mannschaft eine Ära prägen, wie zu den Zeiten des Kaisers in den 70ern. Aber auch der BVB, das wird beinahe vergessen, hat sich nach Krisenjahren auf hohem Niveau stabilisiert. Das hat sich der Verein etwas kosten lassen.

Mit Mkhitaryan und Aubameyang wurden Spieler verpflichtet, die ihr Potenzial bei anderen Vereinen schon unter Beweis gestellt hatten. Wenn man das Geld hat, verpflichtet man Spieler, die sofort helfen können. Das hat mit dem modernen Märchen von 2011 nichts mehr zu tun, ist aber marktüblich. Spielerisch und taktisch konnte man in dieser Saison trotzdem den Eindruck bekommen, als hätten Klopp und sein Team ihren Zenit vielleicht schon überschritten, doch dann kam Real Madrid nach Dortmund.

Ist die Zeit der Märchen vorbei?

Warum habe ich nach diesem Spiel den Eindruck, dass dem BVB der Übergang vom modernen Märchen zur erfolgreichen Wirklichkeit gelingen kann? Nicht, weil Marco Reus so dominant gespielt und zwei Tore gegen Casillas erzielt hat. Dass er dazu in der Lage ist, das wussten wir alle.

Aber auf dem Platz standen auch Spieler wie Erik Durm und vor allem Oliver Kirch, der im defensiven Mittelfeld mit einer unglaublichen Sicherheit agierte. Oder Jojic, der ebenfalls mehr als angedeutet hat, dass er eine große Verstärkung sein kann. Der Ex-Borusse Christoph Metzelder sagte nach dem Spiel als Sky-Experte, es sei schon beeindruckend, wie sich der BVB wieder neu erfinde. Das trifft es gut. Wer mit dieser Mannschaft gegen Real fast ein Wunder schafft, dem ist alles zuzutrauen. Sogar, den Bayern wieder etwas näher zu kommen. Die Hoffnung ist zurück in Dortmund, selbst wenn keiner mehr so richtig an moderne Märchen glaubt.

Michael Steinbrecher ist Journalist, Fernsehmoderator und seit 2009 Professor für Fernseh- und crossmedialen Journalismus am Institut für Journalistik der TU Dortmund. Von 1992 bis Mitte 2013 hat er das ZDF-Sportstudio moderiert und war für das ZDF als Moderator bei zahlreichen Sport-Großereignissen wie Fußballwelt- und Europameisterschaften sowie Olympischen Spielen vor Ort. Bis zum Ende der Fußball-WM 2014 in Brasilien wirft er – immer samstags – einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des internationalen Spitzensports.

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