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05.01.2010

09:00 Uhr

City Talk

Die Geldbranche steckt im gesellschaftlichen Abseits

VonMichael Maisch

Die Liebe zwischen der City und der britischen Regierung hat sich empfindlich abgekühlt. Viele Banker fürchten, dass die einst so glückliche Ehe nicht mehr zu retten ist.

Es gibt wohl keinen Berufsstand, der ein ähnlich miserables Jahr 2009 hinter sich hat wie die Banker (abgesehen vielleicht von Menschen, die sich ihr Geld als Michael-Jackson-Doppelgänger verdienen). Wie weit die Finanzmanager in den vergangenen zwölf Monaten ins gesellschaftliche Abseits gerutscht sind, ließ sich zuletzt auch an der „honours list“ der britischen Königin ablesen. Zweimal im Jahr, einmal zu Silvester und einmal zu ihrem Geburtstag, nickt Elisabeth II. eine von ihrem Premierminister erstellte Liste britischer Bürger ab, die sich einen Orden oder gar einen Ritterschlag verdient haben.

Früher, als die Bankenwelt noch rundum in Ordnung war und die Finanzbranche zehn Prozent und mehr zur britischen Wirtschaftsleistung beitrug, fanden sich Größen aus der City gleich reihenweise auf der königlichen Liste. „Verdienste um die Finanzwirtschaft“ gehörte zu den prominentesten Begründungen für die Verleihung eines MBE (Member of the British Empire) oder eines OBE (Order of the Britisch Empire). Auf der diesjährigen Neujahrs-Honours-List findet sich dagegen nur ein einziger Banker. Ein Fakt, der angesichts der Tatsache, dass die britischen Steuerzahler knapp eine Billion Pfund für die Rettung des Bankensystems aufbringen mussten, nicht wirklich überrascht, der in der Londoner Finanzgemeinde aber trotzdem mit erheblicher Bitterkeit aufgenommen wurde.

Diese Bitterkeit zeigt, wie zerrüttet die einstmals so glückliche Ehe zwischen der City und der Labour-Regierung von Premierminister Gordon Brown inzwischen ist. Nach der Sondersteuer für Boni, der Erhöhung des Einkommensteuersatzes für Spitzenverdiener auf 50 Prozent und diverser schmerzlicher Regulierungsoffensiven hat die Beziehung mittlerweile jenes Stadium erreicht, in dem jeder noch so kleine Anlass ausreicht, um einen handfesten Streit vom Zaun zu brechen. Tiefsitzender Argwohn hat das Grundvertrauen in den Partner längst verdrängt. Viele in der City fürchten inzwischen, dass die Ehe nicht mehr zu kitten ist und dass London gerade dabei ist, seinen Ruf als internationalerFinanzplatz zu verspielen. Diese Angst mag übertrieben sein, völlig unbegründet ist sie sicherlich nicht. Immerhin steckt Großbritannien bereits mitten im Wahlkampf. Bis spätestens Juni muss ein neues Unterhaus gewählt werden, und beide großen Parteien haben längst begriffen, dass die Wähler Härte gegenüber den Bankern sehen wollen. Auf versöhnliche Gesten der Regierung, die zeigen, dass die Politik die Sorgen der Banker ernst nimmt, wird die City also noch eine ganze Weile warten müssen.

Noch mögen die Drohungen von Banken wie Goldman Sachs, Mitarbeiter oder ganze Geschäftsbereiche aus London abzuziehen, eher in die Kategorie Symbolpolitik fallen. Aber wie viele zerrüttete Ehen lassen sich wirklich noch retten? Die Scheidungsquote ist hoch, gerade in der Finanzwelt.

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