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18.02.2014

14:08 Uhr

Der Finanzlotse

Anleger in der Pflicht

VonHerbert Walter

So manche Entscheidung von Privatanlegern macht betroffen. Fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise sollten nicht nur Banken, sondern auch Kunden endlich mehr Verantwortung übernehmen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Seit Jahren gehört es zum guten Ton, auf die Banken einzudreschen. Sie werden nicht nur für die Finanz- und die Staatsschuldenkrise verantwortlich gemacht, sondern auch für das Unglück von Privatanlegern. Die treiben sie, so das Klischee, mit ihren Anlageempfehlungen reihenweise in den finanziellen Ruin. Gar keine Frage: Die Finanz-branche hat sich in den Jahren vor der Krise nicht mit Ruhm bekleckert. Die Kreativität bei der „Produktinnovation“ in den Investmentabteilungen der Banken kannte kaum Grenzen.

Nun sind seit dem Höhepunkt der Finanzkrise mehr als fünf Jahre vergangen. Man sollte davon ausgehen, dass sich seitdem einiges geändert hat. Was die Seite der Banken angeht, habe ich an dieser Stelle bereits viele Kolumnen geschrieben. Ich glaube, sie sind – nicht zuletzt auf Druck der Regulatoren – ein Stück des Wegs hin zu mehr Transparenz bei Produkten und Beratung gegangen. Am Ziel sind sie freilich noch lange nicht.

Es lohnt sich aber auch, einen Blick auf die Seite der Verbraucher zu werfen. Haben sie aus eigenen Fehlern gelernt? Nehmen sie ihr finanzielles Schicksal selbst in die Hand? Man hört und liest aus der Welt der Geldanlage zumindest Erstaunliches.

Da verspricht der mittlerweile insolvente Windparkbetreiber Prokon Anlegern, die Genussscheine der Firma (Eigen-PR: „grünes Sparbuch“) kaufen, satte acht Prozent Rendite. Ergebnis: 75.000 Anleger investierten 1,4 Milliarden Euro in Prokon-Genussrechte.

Da bekennt die Arzt-Gattin Kathrin Müller-Wohlfahrt im ARD-Talk „Menschen bei Maischberger“, sie hätte sich nie groß Gedanken über Geldanlage gemacht. Gleichzeitig erzählt sie, wie sie auf einen Wirtschaftsjournalisten hereingefallen ist, der sich als „Finanzexperte“ ausgab. Verlust: eine halbe Million Euro.

Der Schauspieler Dietrich Mattausch erzählt ebenfalls bei Maischberger, wie er zwei Investoren 100.000 Euro anvertraute. Sie hatten ihm hohe Renditen versprochen. Vermittelt hatte die Anlage ein „befreundeter“ Notar, der mittlerweile verschwunden ist – ebenso wie das angelegte Geld.

Bei keinem dieser Fälle war eine große Bank oder eine Sparkasse im Spiel. Die Kunden vertrauten ihr Geld entweder direkt einem Unternehmen an oder selbsternannten Finanzgurus.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

18.02.2014, 15:11 Uhr

Eine vierte Faustregel lautet: Ungewöhnlich hohe Renditemöglichkeiten gehen immer auf mit ungewöhnlich hohem Verlustrisko einher. Wer sich einbildet eine risikofreie Geldmaschine entdeckt zu haben, hat sein Geld schon verloren.

Kann aber natürlich auch gut gehen, so wie der Ritt über den Bodensee.

Der Kolumne pflichte ich bei und will folgendes anfügen: Man darf den Verbraucherschutzgedanken nicht unkritisch auf den Finanzmarkt übertragen. Die Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn ahnungslose Trottel die Möglichkeit behalten, ihr Geld auch ab und zu mal loszuwerden.

Sollen erwachsene Menschen denn jedes noch so leichtsinninge finanzielle Abenteuer starten können in der festen Hoffnung, dass die Behörden / Politiker / Verbraucherschützer das Geld schon wieder beischaffen, falls irgendwas schiefgeht? Das wäre dann die finanzielle Bildungskatastrofe schlechthin. Denn ohne Lehrgeld ziehen die Anleger auch keine Lehren.

War schon immer so, wird sich auch nie ändern.

Numismatiker

18.02.2014, 15:56 Uhr

@Urias001

Richtig. Und die fünfte Regel lautet:

Sich bei der Entscheidung Zeit lassen.

Manches Top-Investment entpuppt sich nach einiger Zeit als Loser-Papier (Beispiel: Solaraktien nach Fukushima)

Unglaublich

19.02.2014, 09:50 Uhr

Die Meinungs von H. Walter ist radikal. Nach seiner Logik ist jeder für sich selbst verantwortlich und jeder sollte wissen, was das beste für ihn/sie ist. Das ist in einer komplexen Welt nicht möglich.

Der Anleger (der keine Ahnung hat) muss für die eigene Anlage verantwortlich sein. Der Patient (der keine Ahnung hat) muss für seine eigene Behandlung verantwortlich sein. Der Kunde muss für die Planung des Urlaubs selber verantwortlich sein.

Herr Walter, woher die Zeit für das alles? Woher das wissen, damit man halbwegs richtige Entscheidungen trifft? Man kann ja keinem mehr vertrauen! Alle sind Betrüger! Empfehlen Sie Ihren Lesern, dass sie paranoid werden?

Man kann nicht die Anleger in die Pflicht nehmen. Unser Wohlstand basiert auf Arbeitsteilung - das lernt man im ersten Semester VWL. Man kann nicht selber alles machen. Man kann nicht selber alles wissen.

Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zu Artz gehen und er Ihnen eine Behandlung empfiehlt. Denken Sie daran, dass er ein Betrüger sein könnte, doch SIE selber verantwortlich sind. Patienten in der Pflicht! Kunden in der Pflicht! JEDER in der PFLICHT!

Eine Gesellschafft von Betrüger und Paranoiden ist dem Untergang geweiht.

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