Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2014

15:01 Uhr

Der Finanzlotse

Die Konsensfalle der Experten

VonHerbert Walter

Drei US-Wissenschaftler zeigen, warum die US-Notenbanker die globale Finanzkrise lange nicht erkannt haben.  Das nährt die Zweifel, ob das Finanzsystem wirklich so stabil wird, wie uns täglich Glauben gemacht wird.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Bis heute ist es ein ungelöstes Rätsel, warum Notenbanken, Aufsichtsbehörden und Finanzindustrie die im Jahr 2007 aufkeimende globale Finanzkrise nicht erkannt haben.

Drei Soziologen der Universität Berkeley in Kalifornien sind daran gegangen, dieses Rätsel zu lösen. Sie haben sich die Protokolle des Offenmarkt-Ausschusses der US-Notenbank Fed vorgenommen, die jeweils nach Ablauf von fünf Jahren frei gegeben  werden. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben sie kürzlich veröffentlicht.

Die sind wirklich erhellend. Die Wissenschaftler zeigen detailliert, dass die Fed-Führung sich noch bis Ende 2007 vornehmlich um Inflationsraten, Beschäftigungsquoten und die Defizite im Staatshaushalt sowie der Leistungsbilanz sorgte. Diese volkswirtschaftlichen Größen hatten aber rein gar nichts mit der heraufziehenden Krise zu tun.

Auch als die Preise für amerikanische Wohnimmobilien schon sanken, immer mehr Subprime-Hypotheken ausfielen und die Investmentbank Bear Stearns pleite ging, waren die Notenbanker noch bis ins Jahr 2008 hinein davon überzeugt, dass das nur recht überschaubare Auswirkungen auf die US-Wirtschaft haben wird.

Heute wissen wir, dass diese Krise allein in den USA 8,8 Millionen Arbeitsplätze vernichtete, das Vermögen der US-Haushalte um knapp 20 Billionen Dollar reduzierte und den Staat hunderte Milliarden Dollar zur Rettung der Finanzindustrie kostete.

Die komplett falsche Einschätzung hat einen einfachen Grund, wie die Soziologen in ihrer umfangreichen Forschung herausarbeiten: Das Fed-Spitzengremium wird seit langem mit Menschen besetzt, die stark auf Gruppenkonsens und weniger auf Widerspruch achten. Mitglieder mit Neigung zu gegensätzlichen Einschätzungen sind da nicht gefragt, dies könnte es in der täglichen Arbeit schwer machen, zu einer klaren Mehrheitsmeinung zu kommen.

So sitzen im Offenmarkt-Ausschuss der Fed fast ausschließlich Volkswirte, die ihre beruflichen Erfahrungen in Ministerien, Behörden oder an der Universität gemacht haben. Die denken daher zwangsläufig in makroökonomischen Kategorien und sie pressen die Realität in mathematische Modelle, die immer darauf hinauslaufen,  ein irgendwie geartetes Gleichgewicht herzustellen.

Folgerichtig analysierten die Notenbanker zum Beispiel die Auswirkungen des US-Immobilienmarktes auf die Bauwirtschaft, die Hausgerätehersteller und das Maklergewerbe. Das alles lässt sich sehr schön berechnen.

Die Verbindungen zwischen dem Immobilienmarkt, dem Markt für Subprime-Hypotheken und den „kreativen Finanzlösungen“ zur Umverteilung von Risiken und Erträgen hat die Führung der Fed dagegen lange nicht erkannt. Dafür gab und gibt es keine Formeln. Genau diese Verflechtungen haben aber dazu geführt, dass aus der US-Subprime-Krise eine globale Finanzkrise wurde.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

11.03.2014, 16:45 Uhr

Hallo Herr Walter,
die Konsensfalle der Experten, wie Sie sie so trefflich benennen, ist nicht das eigentliche Problem. Vielmehr ist es der Irrglaube, alles und jeden permanent kontrollieren zu können und damit angeblich mehr Sicherheiten zu schaffen.
Die erwähnten Experten sind auch keine Experten, wie man sie vielleicht in anderen Berufszweigen vorfindet. Es sind überwiegend Theoretiker mit Schulbuchwissen, die vermutlich nie mit eigenem Geld an den Finanzmärkten agiert haben. Dann würden sie nämlich wissen, dass man den Ozean weder trocken legen kann, noch kann man vorhersehen, wann die Wellen Wogen schlagen. Man kann es lediglich erahnen, wenn die Preise exorbitante Relationen erreichen, die vom langjährigen Durchschnitt sehr stark abweichen, die Umsätze extrem anziehen und jede Menge Schrottpapiere auf den Markt geworfen werden. Allein das Schnüren derartiger Hypothekenanleihenpakete hätte bei allen "Experten" die Warnleuchten einschalten müssen.
Weil dem nicht so ist, ist die Zahl der Gewinner an den Finanzmärkten ja auch eher klein. Wer auf die Meinung von Experten etwas gibt, liegt nach meiner langjährigen Erfahrung nahezu immer daneben und verliert.
Und es ist auch absolut richtig, dass Entscheidungsgremien zu besseren Ergebnissen kommen, wenn es verschiedene Ansichten und Meinungen zu einem Thema gibt. Unbequeme Menschen bringen voran. Ja-Sager sind ein Hemmschuh der Entwicklung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×