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01.10.2013

10:20 Uhr

Der Finanzlotse

Die Kosten der Unfreiheit

VonHerbert Walter

Die Selbstverantwortung von Wirtschaft und Gesellschaft weicht einer immer stärkeren staatlichen Regulierungen des öffentlichen und privaten Lebens. Aber: Immer mehr Wohlfahrtsstaat schafft immer weniger Wohlfahrt.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Vor wenigen Tagen hat das renommierte kanadische Fraser Institut in Vancouver  seinen 17. Jahresbericht über den Stand der ökonomischen Freiheit in 152 Ländern dieser Erde veröffentlicht. Anders als in den USA und Kanada wird dieser Bericht in Europa und insbesondere auch in Deutschland nur wenig beachtet. Zu viel mehr als einer kleinen Meldung in einer Zeitungsspalte, dass zum Beispiel Deutschland in dieser Analyse in diesem Jahr den 19. Platz einnimmt, reicht es normalerweise nicht.

Das ist schade, und diese Missachtung hat der Bericht auch nicht verdient. Mit großer Sorgfalt ermittelt das Fraser Institut in Zusammenarbeit mit vielen internationalen Organisationen den Grad der ökonomischen Freiheit und misst diese dann für jedes Land auf fünf Gebieten: Umfang der Staatstätigkeit im Verhältnis zum Privatsektor, Rechtssystem und Eigentumsrechte, Stabilität des Finanzsystems, Freiheit des internationalen Handels und Regulierung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Bemerkenswert ist vor allem der nahezu einzigartige Abstieg der USA in den vergangenen Jahren. Noch im Jahr 2000 nahm das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten den zweiten Platz in der Rangliste ein, jetzt landete es knapp vor Deutschland auf Platz 17. Schuld daran sind vor allem die ungelösten US-Haushaltsprobleme und der „regulatorische Overkill“. Beides engt die Entscheidungsfreiheit von Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr ein.

Auch Deutschland bekleckert sich auf Platz 19 nicht gerade mit Ruhm. Von den europäischen Staaten sind die Schweiz, Finnland, Dänemark und Großbritannien wesentlich besser positioniert. Es ist auch kein Trost, dass Frankreich nur auf dem 40., Italien und Griechenland gar nur auf dem 83. und 85. Platz gelandet sind - eingerahmt von Belize und Kasachstan. Das ist viel mehr ein schlimmes Zeichen dafür, wie weit wir in Europa noch von einem wirklich freien Binnenmarkt und erst recht von einer Politischen Union entfernt sind.

Wer nun meint, es sei doch egal, wo man in dieser Rangliste landet, Hauptsache es gehe einem gut, der irrt gewaltig. Alle bisherigen Berichte zeigen, dass eine höhere ökonomische Freiheit zu mehr Investitionen, besserem Wirtschaftswachstum, größeren Einkommen und geringerer Armut führt. So ist im ersten Viertel der untersuchten Länder mit dem höchsten Grad an ökonomischer Freiheit das Durchschnittseinkommen um mehr als das Achtfache höher als im letzten Viertel der Länder. Außerdem zeigt sich, dass auch innerhalb der jeweiligen Gruppen die Länder mit einem höheren Grad an wirtschaftlicher Freiheit deutlich besser abschneiden als die anderen.

 

Kommentare (13)

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01.10.2013, 10:46 Uhr

Quelle Wikipedia

Zu den Geldgebern zählen unter anderem ExxonMobil, Imperial Oil, Procter & Gamble sowie die Thomson Corporation. Niederlassungen des Instituts befinden sich in Calgary und Toronto.

Also Interessenvertreter denen die Expansionsfreiheit über alles geht, aber den Einzelnen in seiner Unternehmerischen Freiheit wohl nur im Sinne von Franchising interessieren dürfte.

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01.10.2013, 11:08 Uhr

"Immer mehr Wohlfahrtsstaat schafft langfristig immer weniger Wohlfahrt." Das ist richtig! Aber wir Deutschen wollen das nicht hören. Wir suchen lieber wie netshadow nach irgendwelchen Gründen, um so etwas wegzubügeln.

Beim technischen Fortschritt eines Smart-Phones sind alle begeistert. Aber bei wissenschaftlichen Arbeiten zur Wirtschaft hören wir weg und verlassen uns lieber auf Stammtisch-Argumente. Das muss sich ändern!

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01.10.2013, 11:25 Uhr

"Wir suchen lieber wie netshadow nach irgendwelchen Gründen, um so etwas wegzubügeln."

nu, schön wäre es, aber Ihr Versuch mich durch meine Hinweise in eine Ecke zu packen, ist schon der erste Schritt zur Unfreiheit. Und zwar zu Ihrer eigenen.

Der "Wohlfahrtsstaat" wird doch erst durch diese vermeintliche Freiheit weltweit als Brand-Global-Player aufzutreten, das Kapital weltweit zu zentralisieren und dazu noch die Ressourcen der Länder zu "privatisieren", sich alle Lizenzen unter den Nagel zu reißen, und dann nur per Patent- und Lizenzrecht arbeiten zu können, geradezu zementiert.
Welche Freiheit soll denn hier gemeint sein? Das man nicht mal eine Bratwurst verkaufen darf, weil darauf jemand ein Patent oder ein Teil-Patent angemeldet hat?
Von welcher Freiheit reden wir?

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