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13.05.2014

13:51 Uhr

Der Finanzlotse

Geteilte Bankenwelt

VonHerbert Walter

Immer mehr Deutsche nehmen ihr finanzielles Schicksal selbst in die Hand. Die Banken dagegen konservieren die Trennwelten von Online hier und Beratung da. Das missfällt den Kunden und ruft neue Wettbewerber auf den Plan.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Eine sich hartnäckig haltende Behauptung ist, dass die Deutschen ein Volk von Finanz-Analphabeten sind. Tatsächlich fordern deutsche Erwachsene Finanzbildung in der Schule ein, sagen aber mehrheitlich, sie selbst hätten dort gegen ihren Willen keine bekommen.

Das traurige Ergebnis vieler Studien über lange Zeiträume: In keinem anderen europäischen Land fühlen sich die Bürger auf dem Gebiet der privaten Finanzen schlechter gebildet als hierzulande. Müssen wir Deutschen also endlich verinnerlichen, dass wir zwar im Job die besten Autos bauen, uns aber privat alles andere als smart verhalten, wenn wir unser sauer verdientes Geld richtig anlegen sollen?

Ich will diese vermeintliche Wahrheit nicht akzeptieren, auch wenn sie in den letzten Monaten fast gebetsmühlenartig durch die Medienlandschaft geistert. Sich um seine Finanzen zu kümmern, ist keine Geheimwissenschaft, für mich gilt auch hier: Wo ein Wille, da ein Weg.

Viele Jahre hieß es, wir würden von Finanzdingen einfach nichts wissen wollen. Im Beraterdeutsch: Die Bundesbürger involvieren sich nicht, wenn es um ihr Geld geht. Liebevoll suchen sie ihr nächstes Auto aus, aber der Plan für eine vernünftige Altersvorsorge muss in zwanzig Minuten erledigt sein. Die Details überlassen sie lieber ihrer Bank und Sparkasse an der Ecke und beschweren sich nachher, wenn etwas schief gegangen ist.

Soweit das Vorurteil. Und die Realität? Das Informationsverhalten der Bundesbürger via Internet passt jedenfalls so gar nicht zu dem Bild des Finanz-Analphabeten. Gut zwei Drittel aller Internetnutzer in Deutschland (das sind gut 50 Millionen) besuchen Websites mit Finanzthemen.

Fast 300 Millionen Suchanfragen haben die Deutschen in den letzten zwölf Monaten bei Google gestartet, jeweils rund ein Drittel zu Versicherung und Vorsorge, zu Spar- und Anlagethemen sowie zu Konto und Kredit. Das sind beeindruckende Zahlen und sie werden weiter wachsen. Bei Google nehmen die Suchanfragen zu Finanzthemen seit 2006 um stattliche 33 Prozent im Jahr zu.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass auch der Online-Kauf von Finanzprodukten in Deutschland deutlich zulegt, um 12 Prozent jährlich. Beim Neugeschäft sind es immerhin schon rund 20 Prozent, die ausschließlich durch Online-Recherche und folgenden Online-Kauf generiert werden. Oft sind es Preisbewusste, die sich auf diese Weise Schnäppchen sichern wollen.

Kommentare (1)

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15.05.2014, 08:35 Uhr

"Es dauert erstaunlich lange, bis die deutsche Kreditwirtschaft auf die Zeichen der Zeit reagiert".

Kann ich nur bestätigen. Ich bin noch immer Kunde bei einer der grossen genossenschaftichen Banken. Teils aus Tradition, teils aus praktischen Gründen. Das eindeutige Urteil: Teuer, schlecht und unzeitgemäss.

Diese Woche habe ich mich dann endlich zusammengenommen und Eröffnungsanträge an eine deutsche Internetbank und einen internationalen Wertpapierbroker abgeschickt. Kann es kaum erwarten, der jetzigen Bank den Rücken zu kehren.

Die alten Banken sind z.T. echt kundenfeindliche Bürokratiemonster med Geschäftsmodellen, die schon im letzten Jahrhundert den Zug verpasst haben. Rentnerbanken eben. Vor allem das Onlineangebot ist bei meiner jetzigen Bank ein Jammertal. Umständlich und benutzerunfreundlich bis zum geht nicht mehr. Der Himmel für Bankjuristen und Sicherheitsheinis, die Hölle für den Kunden, der mal eben schnell was erledigen will.

Was das Finanzinteresse der Deutschen betrifft, darf man vorsichtig optimistisch sein. Viele Jahre hatten die Leute wenig Geld, und die Finanzmärkte luden bei der Wahl von Anlageformen zur totalen Faulheit ein. Jetzt aber ist der Anlagenotstand auch im letzten Dorf angekommen, und normale Leute müssen sich wieder ernsthaft mit Immobilenkauf und Alterssparen beschäftigten. So mancher hat deshalb begonnen, sich selbst ein paar Fragen zu stellen.

Ich denke unsere Finanzwirtschaft bewegt sich im Konsumentengeschäft mittlerweile auf dünnem Eis. Es würde mich gar nicht wundern, wenn den alten Banken in den kommenden Jahren die Felle wegschwimmen.

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