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03.12.2013

13:48 Uhr

Der Finanzlotse

Klasse statt Masse

VonHerbert Walter

Viele Anleger fürchten einen Börsen-Crash. Die Rekordjagd muss nicht ewig anhalten. Wer vom jüngsten Boom profitiert hat, sollte sein Depot neu ausbalancieren – und Aktien jetzt noch sorgfältiger auswählen.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

„Die ganze Börse“, sagte einst der Altmeister der Anleger André Kostolany, „hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.“ Für die jüngere Vergangenheit ist die Sache klar: Die Aktien waren offensichtlich in der Überzahl. Wer mutig genug war, im Sommer 2012 einzusteigen, verzeichnet satte Buchgewinne. Das Plus beim Dow Jones beträgt seitdem 30 Prozent, beim Dax und beim Eurostoxx sogar 50 Prozent, beim japanischen Nikkei-Index gar rund 90 Prozent. Angesichts einer solchen Rallye liegt die Vermutung nahe, dass die Idioten mittlerweile klar in der Mehrheit sind.

Der Börsenboom ist nach Ansicht der meisten Ökonomen und Analysten eine direkte Folge der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken in Europa, den USA und in Japan. Die Liquidität, so die weit verbreitete These, fließt vor allem in die Aktienmärkte. Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Anleger können sich zurücklehnen, die Hausse wird anhalten, solange die Geldschleusen geöffnet bleiben.

Es spricht einiges dafür, dass diese Theorie bestenfalls zur Hälfte stimmt, wenn nicht sogar gefährlich ist. Auf wichtigen Aktienmärkten, wie etwa dem amerikanischen, nähern sich die Kurse einem kritischen Punkt. Ich erwarte zwar kein Umkippen in eine längerfristige Baisse. Sollte sich aber die Hausse-Stimmung weiter aufheizen, können bereits enttäuschende Konjunkturzahlen oder ein Handvoll Gewinnwarnungen von Unternehmen zu kräftigen Einbrüchen an den Börsen führen.

Selten zuvor war die Frage nach der richtigen Anlagestrategie so schwierig zu beantworten. Denn nach großen Finanzkrisen gerät die Wirtschaft meist so außer Tritt, dass auch Jahre danach kaum zuverlässig abzuschätzen ist, wie nachhaltig die Erholung ist. Für Anleger stellt sich damit die Frage: Sind die wieder optimistischeren Prognosen zur Konjunktur in Europa und den USA in die Aktienkurse schon voll „eingepreist“? Und: Sollte man die Gewinne der vergangenen ein bis zwei Jahre mitnehmen oder doch noch investiert bleiben?

Die Risiken im Depot neu bewerten

Anleger fahren meiner Ansicht nach in jedem Fall gut damit, nicht auf diejenigen zu hören, die aufgrund der Liquiditätsflut der Notenbanken steigende Kurse auf breiter Front vorhersagen. Vielmehr ist es jetzt an der Zeit, das Risiko im Depot neu auszubalancieren. Wer bisher sehr stark auf Aktien gesetzt hat und in den kommenden Monaten ruhig schlafen möchte, sollte überlegen, den Anteil im Portofolio deutlich zu reduzieren – selbst wenn ihm so vielleicht die eine oder andere Gewinnchance durch die Lappen geht.

Kommentare (1)

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azaziel

03.12.2013, 14:50 Uhr

Erweiterung der Geldmenge fuehrt zwangslaeufig zu Inflation. Das dauert, wenn frisches Geld nicht bei Verbrauchern landet. Anleger sitzen auf Geld (niedrige Umlaufgeschwindigkeit). Es kommt allerdings zu Assetblasen (Aktien, Rohstoffe, Edelmetalle, Immobilien, etc.). Bei Aktien laesst sich Blasenbildung am eindeutigsten beobachten, weil weltweit.

Assetblasen fuehren zu steigenden Produktionskosten (steigende Mieten, steigende Rohstoffpreise). Der Produzent versucht, gestiegene Kosten an die Verbraucher weiterzugeben. Gelingt das aufgrund schwacher Nachfrage nicht, vermindert er seine Produktion. Geringeres Gueterangebot fuehrt zu steigenden Preisen.

In Erwartung steigender Preise wird das Geld schneller ausgegeben, was die Wirtschaft zu beschleunigen scheint. Auf Dauer vernichtet Inflation Kaufkraft bei den Verbrauchern. Die Nachfrage sinkt. Produzenten reagieren darauf eher mit Produktionseinschraenkung als mit Preissenkungen. Stagflation ist die Folge!

Ruecklaeufige Wirtschaft laesst das Einkommen des Staates sinken. Der Staat verliert seine Kreditwuerdigkeit. Private Anleger sind nicht mehr bereit Staatsanleihen zu kaufen. Der Staat erschliesst andere Einkommensquellen (Steuererhoehungen, Zwangsabgaben). Beides beintraechtigt die Kaufkraft der Buerger und die Gewinnerwartungen der Unternehmen.

Die Notenbank springt fuer streikende Privatanleger ein. Staatsfinanzierung mit der Druckerpresse beginnt. Der weiter oben beschrieben Prozess der Inflation beschleunigt sich, bis das Geld seine Funktionen verliert. Am Ende steht man vor einem Scherbenhaufen.

Sollte mein Szenario richtig sein, werden auch die Aktionaere ordentlich geschoren. Die meisten Zeitgenossen werden wohl grosse Vermoegenseinbussen hinnehmen muessen. Mit welcher Anlageklasse man am relativ besten faehrt, weiss ich auch nicht. Hoeren Sie auf Professor Sinn und reparieren Sie Ihr Bad!

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