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29.10.2013

09:25 Uhr

Der Finanzlotse

Schweinezyklus zu Wasser

VonHerbert Walter

Zu Recht nehmen EZB und Bundesbank die Schiffsfinanzierung bei der kommenden Bilanzprüfung besonders unter die Lupe. Das deutsche Finanzierungsmodell für die Schifffahrt hat die Branchenkrise verschlimmert.

Herbert Walter

Herbert Walter – Der Finanzlotse. Herbert Walter führte von 2003 bis 2009 die Dresdner Bank.

Nun wird es für etwa 130 europäische Banken ernst mit der umfassenden Prüfung ihrer Bankbilanzen nach einheitlichen Maßstäben durch die Europäische Zentralbank (EZB). Ein Heer von Bankaufsehern und Wirtschaftsprüfern soll noch im November damit beginnen, die Hauptrisiken der Institute zu identifizieren und dann die Qualität der gesamten Bankaktiva kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Vorsorglich, wenn nicht gar fürsorglich, haben Bundesbank und Bafin die 24 von der Prüfung betroffenen deutschen Banken schon mal darauf hingewiesen, dass sie die Zeit nutzen sollten, ihre Risikovorsorge den kommenden Anforderungen anzupassen, sprich: zu erhöhen. Geklärt ist auch, worum es dabei gehen wird, vor allem um Schiffskredite und das gewerbliche Immobiliengeschäft. Das sind mit Abstand die beiden größten Problemfelder der deutschen Kreditinstitute.

Allein die heimische Schiffsbranche steht bei den deutschen Kreditinstituten mit rund hundert Milliarden Euro in der Kreide. Das ist kein Pappenstiel, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Branche seit 2009 in der größten aller bisherigen Krisen steckt.

Die Situation gleicht einem Tollhaus: Die Reeder brauchen Liquidität, weil die Charterraten oftmals nicht einmal die Betriebskosten decken. Die Banken wissen das und sie halten sich deswegen mit der Kreditvergabe sehr zurück, wenn sie denn überhaupt neue Kredite vergeben.

Auch bei den Anlegern, den in den vergangenen Jahren arg gebeutelten Zeichnern von Schiffsfonds, ist mittlerweile kaum noch etwas zu holen. Viele von ihnen haben mit ihren Fondsanteilen Schiffbruch erlitten. Sie mussten im besten Fall auf Ausschüttungen verzichten und waren im schlimmsten Fall ihre Einlage komplett los.

Mit aller Brutalität hat sich in den vergangenen Krisenjahren gezeigt, dass die deutsche Besonderheit der Schiffsfinanzierung über geschlossene Fonds und Bankkredite nur für Schönwetter geeignet ist – und das gleich aus mehreren Gründen.

Schon immer war die Schifffahrt eine zyklische Branche, im Aufschwung aber nährt die Finanzierung über Kommanditgesellschaften die Übertreibung, weil die Finanzierung neuer Schiffe scheinbar grenzenlos möglich ist. Reeder betreiben mit oftmals minimalem eigenem Kapitaleinsatz Schiffe von Fondsgesellschaften, die wiederum Gelder von privaten Anlegern eingesammelt und eine Finanzierungszusage einer Bank eingeholt haben.

Das ist in guten Zeiten ein für alle Parteien glänzendes Geschäft. Deshalb sagt dann auch keiner der Beteiligten nein, wenn es um ein neues Geschäft geht. Der Reeder denkt bei der Übernahme eines neuen Schiffes nicht an das Risiko eines Rückschlags, weil er ja nur mit wenig Kapital dabei ist.

Kommentare (3)

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HKausb

29.10.2013, 10:43 Uhr

Hinterher weiß man es immer besser. Schiffsbeteiligungen in der Form einer Publikums KG gibt es seit Anfang der 1970-er Jahre. Bis 2008 gabe es in dieser Zeit auch ein Reihe von Schifffahrtskrisen, etwa in Ostasien 1998/1999. Dennoch ist bis Ende 2008 so gut wie keine Schiffsfonds-Publikums KG in ernste Schwierigkeiten gekommen. Eine solche Beteiligung lohnte sich nämlich nur, wenn man in der Investitionsphase Verluste mit anderen hohen steuerlichen Einkünften verrechnen konnte, die Zahl der potentiellen Zeichner war somit genauso überschaubar wie die Zahl der Angebote. Erst als mit Einführung der Tonnagesteuer vor rund 10 Jahren die Schiffsbeteiligung auch für breite Anlegerkreise interessant und damit zu einem Massengeschäft wurde, kamen mit der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 die Verwerfungen, die nun, nach einem zwischenzeitlichen Hoch von Ende 2009 bis Frühjahr 2011 auf den finalen Höhepunkt zusteuern. In den Jahren 2004-2008 konnten die Emissionshäuser nicht so schnell die Fonds auflegen wie sie verkauft wurden. Die Finanzierungszusagen der Banken waren in dieser Zeit gigantisch. Zahlen müsse es jetzt die Investoren, auch aus der Zeit vor 2004. Selbst Schiffe, die schon lange entschuldet sind, geraten in Gefahr. Dies alles nur dem Modell zuzuschreiben, ist zu einfach. Die schiffsfinanzierenden Banken tragen nach meiner Auffassung die größter Schuld, sie hätten den Überblick über den Markt haben müssen, sie hätten wissen müssen, wieviele "Schweine"( Schiffe) in den nächsten 4-6 Jahren nach 2006/2007 abgeliefert würden. Warnungen über Überkapazitäten gab es genug, es war nur eine Frage der Zeit bis dies zu Preisabschläge führen würde. Die Weltwirtschaftskrise war nur ein, allerdings gigantischer Verstärker und Beschleuniger der Entwicklung.

vhe

29.10.2013, 11:44 Uhr

Ich denk schon, dass das GM eine Rolle spielt.
Normalerweise, wenn das Risiko gleichverteilt ist, ist es sinnvoll, mit möglichst viel Fremdkapital zu arbeiten, damit man das Eigenkapital auf mehrere Unternehmungen verteilen kann.
Wenn dann ein Prozentsatz der Unternehmungen aufgrund des niedrigen Eigenkapitals pleitegeht, machen die restlichen Investitionen das wieder wett.

Bei zyklischen Dingen ist das ein Problem, weil eben mehr Unternehmen pleitegehen, als zufällig pleitegehen würden. Und damit geht die Rechnung nicht mehr auf.

Kurz- bei Schweinezyklischen Investitionen muss mehr Eigenkapital vorhanden sein.

Mazi

29.10.2013, 12:56 Uhr

"Der private Anleger hat von dem Geschäft keine Ahnung. Er freut sich nur auf die versprochenen Ausschüttungen und ist sich seiner Unternehmer-Rolle als Fondszeichner höchst selten bewusst."

Eine interessante These, die Herr Walter als ehemaliger Deutsch und Dresdner Banker da von sich gibt. Zahlreiche Richter werden bei ihren Urteilen hinsichtlich der Beraterhaftung um diesen Einwand, bei seriöser Rechtsprechung, nicht mehr herum kommen.

Das heißt nicht, dass Herr Walter unrecht hätte. Aber es zeigt wie Anlageberater sich mit Provisionen ködern lassen und den Kunden den größten Mist verkaufen.

Es muss aber auch an die Vorstände gedacht werden, die die Anlageberater zu sollen Offerten hinreißen.

Es stellt sich einmal mehr die Frage wie die BaFin ihren Job, der Finanzaufsicht, in der Vergangenheit wahrgenommen hat oder ob sie nur für die privaten Bespitzelungen über die Kontenabfragen zuständig waren?

Eine solche Behörde mit dieser Effizienz sollte man schließen. Zudem wird künftig die EZB deren Aufgabe wahrnehmen. Sie wird die deutschen Kreditinstitute maßgeblich kontrollieren ( nicht überwachen! ). Sie soll etwa 2/3 der Bilanzsumme der deutschen Kreditinstitute kontrollieren.

Den Rest kann man dann auch wegen Belanglosigkeit vergessen.

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