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14.06.2014

12:12 Uhr

Der Fußball ist selbst schuld

Warum lässt man die Schiedsrichter so allein?

VonMichael Steinbrecher

Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft sollten wir uns am Sport erfreuen. Stattdessen reden wir vor allem über Schiedsrichter. Das ist eines sportlichen Großereignisses dieses Stellenwerts unwürdig.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Bei einer Fußball-Weltmeisterschaft sollten wir uns an den weltbesten Spielern erfreuen. An Kombinationen, spannenden Spielen und taktischen Feinheiten. Stattdessen reden wir nach den ersten beiden Spieltagen vor allem über Schiedsrichter, die mit ihren Entscheidungen völlig daneben liegen. Um es ganz klar zu sagen: Das ist eines sportlichen Großereignisses dieses Stellenwerts unwürdig.

Es ist leicht und natürlich auch berechtigt, den Schiedsrichtern die Schuld zu geben. In der Tat fragt man sich, wie auf diesem Niveau Entscheidungen wie in den ersten Spielen dieser WM zu Stande kommen können. Andererseits liegen die Ursachen dafür tiefer. Warum ist der Fußball nur so konservativ? Warum reagiert er nicht flexibler auf sinnvolle technische Innovationen?

Fakt ist: alle Fehlentscheidungen der ersten WM-Spiele waren vermeidbar und hätten durch den Videobeweis korrigiert werden können. Nach dem 3:1 der Niederländer gegen Spanien zeigten die Spieler des Weltmeisters aufgebracht auf die Wiederholung des Gegentors auf der Videoleinwand. Casillas wurde eindeutig im eigenen Strafraum attackiert. Alle Zuschauer weltweit und im Stadion haben es gesehen, aber der Schiedsrichter konnte nicht mehr reagieren. Warum sollte ein „Oberschiedsrichter“ nicht die Möglichkeit bekommen, wichtige Entscheidungen unmittelbar mit allen zur Verfügung stehenden Kameraperspektiven zu überprüfen? Warum ist ausgerechnet der Fußball so rückständig?

Andere Sportarten leben es seit Jahren vor. Selbst im ebenfalls sehr konservativen und etablierten American Football ist der Videobeweis seit Jahren nicht mehr wegzudenken. Weder der Spielfluss noch die Spannung wird dadurch gestört.

Beispiel 2: Torlinientechnik. 1966 konnte man noch nachsichtig sein. Es gab bei der Weltmeisterschaft in England noch nicht die technische Möglichkeit, zweifelsfrei zu überprüfen, ob der Schuss von Hurst hinter der Linie war oder nicht. Das „Wembley-Tor“ wurde legendär. Aber wie kann es sein, dass es 48 Jahre gedauert hat, bis die Torlinientechnik zum ersten Mal bei einer WM eingesetzt wird? Fast ein halbes Jahrhundert! Obwohl es längst technisch ausgereifte Möglichkeiten gab, die auf einen flächendeckenden Einsatz gewartet haben? Wie kann es sein, dass die Bundesliga diese Technik nicht übernimmt? Das Ergebnis hat jeder im Pokalfinale gesehen.

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