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24.06.2014

11:18 Uhr

Der Transformer

Die vernetzte Industrie bringt Hartz 4.0

VonNico Lumma

Digitale Fabriken und der Einsatz von Drohnen können einen massiven Rückgang bei gering qualifizierten Jobs bedeuten – und auch der Facharbeiter am Band droht so zum Auslaufmodell zu werden. Zeit für ein Grundeinkommen?

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

Bis 2030 sollen 100 Billionen Sensoren über das Internet miteinander verknüpft werden und somit das vielgerühmte Internet of Things seine Wirkungsmacht entfalten lassen. Schon jetzt sind mehr als 3,5 Milliarden Geräte miteinander vernetzt. Nachdem in den vergangenen Jahren Themen wie Web 2.0 und Big Data die Diskussion um das Netz bestimmt haben, rückt jetzt zunehmend Industrie 4.0 in den Fokus.

Industrie 4.0, das klingt toll, oder?

Aber was wird der langersehnte Versionsnummernsprung zur nächsten industriellen Revolution für den German Mittelstand bedeuten? Die Vernetzung von Maschinen untereinander wird jetzt als Internet of Things bezeichnet und ermöglicht über diese Vernetzung ganz neue Möglichkeiten der Prozess-Steuerung und -Optimierung.

Industrie 4.0

Die vierte industrielle Revolution

So mancher sieht die Vernetzung der Fabrik als vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasserkraft und Dampfmaschinen, arbeitsteiliger Massenproduktion auf Fließbändern und Einführung von Elektronik und IT.

Unterschiedliche Begriffe

Für die Vernetzung der Produktionsanlagen wird häufig der Begriff Industrie 4.0 verwendet – die Hannover Messe machte den Begriff vor einigen Jahren populär. Fachleute sprechen auch von cyberphysischen Systemen, in denen also physische und virtuelle Welt sich vermischen. Wenn Gegenstände vernetzt werden, ist auch vom Internet der Dinge die Rede – das gilt nicht nur für Fabriken, sondern auch für Autos oder Häuser.

Industrie kauft immer mehr IT

Weil industrielle Fertigung und IT immer stärker zusammenwachsen, wird die Industrie zu einem wichtigen Kunden für die IT-Branche: Sie trägt inzwischen rund ein Fünftel zum Umsatz bei, wie der Branchenverband Bitkom mitteilt. Da verwundert es nicht, dass die Organisation auf der Industriemesse präsent ist.

Gefördert von der Bundesregierung

Auch die Politik bemisst dem Thema große Bedeutung bei, die Bundesregierung betrachtet Industrie 4.0 in seiner Hightech-Strategie als „Zukunftsprojekt“. Gut für Wirtschaft und Wissenschaft: Das beinhaltet ein Fördervolumen von 200 Millionen Euro.

Viele offene Fragen

Der Durchbruch der Industrie-4.0-Technologie steht indes noch aus. Nicht zuletzt, weil viele Fragen offen sind. Welche Standards gelten? Welche Kommunikationsnetze werden dafür benötigt? Wie ist es um die Sicherheit der Anlagen bestellt?

Das Förderprogramm „Autonomik für die Industrie 4.0“ der Bundesregierung zieht richtigerweise genau darauf ab, möglichst viel Automatisierungspotenzial durch das smarte Vernetzen autonomer Maschinen zu ermöglichen. Das Automatisierungspotenzial im Mittelstand soll gehoben werden, das ist eine der Verheißungen von Industrie 4.0 und in der Tat ist der deutsche Mittelstand gut beraten, sich mit dieser Entwicklung auseinanderzusetzen.

Man muss nicht so weit gehen wie Jeremy Rifkin, der in seinem aktuellen Buch „The Marginal Cost Society“ durch das Fortschreiten der Automatisierung und der damit stetig fallenden Herstellungskosten und damit verbundenen Produktivitätsgewinnen bereits eine Möglichkeit zur Überwindung des Kapitalismus sieht, um festzustellen, dass die kommende Automatisierungswelle unser derzeitiges System erschüttern kann.

Eine konsequente Automatisierung von Jobs, die derzeit mit wenig Ausbildung verrichtet werden können, wird den Arbeitsmarkt vor neue Herausforderungen stellen. Nun mag man zwar argumentieren, dass viele dieser Jobs körperlich anstrengend und schlecht bezahlt seien und es insofern doch Sinn machen würde, gerade die Jobs zu automatisieren, die Menschen nicht gerne verrichten wollen.

Aber auch wenn die Drohne künftig die Lagerbestände überprüft, der LKW automatisch und effizient durch Deutschland rollt und der Roboter Teile zusammensetzt, darf man nicht vergessen, dass dadurch wieder ein Mensch weniger Arbeit hat, der vermutlich aufgrund des Fortschreitens von Industrie 4.0 auch Schwierigkeiten haben wird, eine neue Stelle zu finden. Der aus der Vernetzung resultierenden Möglichkeiten für den automatisierten Ablauf in Betrieben stehen die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt diametral gegenüber.

Kommentare (7)

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24.06.2014, 11:34 Uhr

Darüber wurde schon in meiner Jugend, d.h. in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts, gesprochen: Stetig steigende Produktivität macht immer mehr menschliche Arbeit überflüssig. Damals wurde das als Change gesehen, sozusagen das Paradies auf Erden in greifbarer Nähe.

Das war wohl etwas zu blauäugig, die Rechnung wurde ohne Berücksichtigung der menschlichen Natur aufgestellt.

Momentan, im Zeitalter des Neoliberalismus, läuft es aber eher in die andere Richtung: Die Produktivitätszuwächse werden von der kleinen Schicht der Kapitalgeber eingesackt, die abhängig Beschäftigten werden abgehängt. Der Mittelstand wandert nach unten, die Schere zwischen wenigen Reichen und Superreichen und dem Rest geht immer weiter auf.

Eine Richtungsumkehr wäre dringend nötig, aber die Geschichte lehrt uns, dass es dazu zunächst mal richtig krachen muss bevor der Umschwung kommt.

Account gelöscht!

24.06.2014, 11:47 Uhr

@ curiosus_
Auch ich kann mich daran erinnern. Ein Prof. Dr. Hickel, damals Uni Bremen, hatte schon dieses Thema aufgegriffen.
Aber leider sind auch heute die SPD-Spitzen unfähig oder nicht gewillt, darüber ein Denkmodell zu entwerfen.

Account gelöscht!

24.06.2014, 12:16 Uhr

Ohne Arbeit ist man nicht nur stigmatisiert, sondern wird auch Diskriminiert (mit deckung von oben)..... und "gefordert"... vom fördern ist ja nach mehreren Kürzungs wellen nichts mehr über geblieben...

laut landläufiger meinung und getue von Experten ist ja jeder ohne job "selber schuld"...

erinnert mich immer an "arbeit macht frei".... sozusagne wirtschats faschismus.....

man teilt die leute nach wertigkeit ein....

wie sagte münte einst... wer nicht schafft muss net essen..^^

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