Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.10.2014

08:39 Uhr

Der Transformer

IT-Gipfel – ein Klassentreffen mit Kanzlerin

VonNico Lumma

Einmal im Jahr trifft sich die IT-Branche zum Treffen mit der Kanzlerin. Doch was als Gipfel gepriesen wird, ist eigentlich nicht mehr als ein jährliches Ritual – mit mauen Ergebnissen.

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

„Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe“, sagte einst der römische Philosoph Seneca. Eine Weisheit, die sich viele Teilnehmer des heutigen IT-Gipfels zu Herzen nehmen sollen. Das jährliche Klassentreffen der Branche findet dieses Jahr zum achten Mal statt, doch die Erwartungen vor dem Gipfel in Hamburg sind gering. Wenn heute die Größen der IT-Branche und der Wissenschaft auf die Kanzlerin und andere führende Politiker treffen, wartet auf alle Beteiligten viel Arbeit, denn diesmal sollten die Ergebnisse zählen.

Die Frage bleibt, ob außer gemeinsamen Papieren und Ankündigungen noch mehr zu erwarten ist. Ein Blick auf die Potsdamer Erklärung des ersten IT-Gipfels im Jahr 2006 bringt Ernüchterndes zutage: Viele richtige Punkte wurden damals angesprochen, doch die meisten sind auch im Jahr 2014 noch nicht abgearbeitet. Über das vielgepriesene Leuchtturmprojekt Theseus und die versenkten Fördermillionen spricht heute niemand mehr. Eine ernstzunehmende deutsche oder europäische Konkurrenz zu Google ist daraus nicht entstanden.

Auch der Fachkräftemangel bleibt immer noch ein Riesenthema der Branche. Trotzdem ist  nicht erkennbar, dass der Informatik-Unterricht an den Schulen seit 2006 einen besonderen Stellenwert erhalten hätte. So kann man sich jede Erklärung eines IT-Gipfels vornehmen, sie sind immer ambitioniert, aber viele Punkte werden jedes Jahr wieder auf die Agenda geschrieben – ohne je gelöst zu werden.

Und kaum ist der eine Gipfel vorbei, steht schon der nächste an. Mit der Unterschrift unter dem letzten Arbeitspapier, geht es um die Vorbereitung für das nächste Jahr und die Besetzung der Arbeitsgruppen. Die Kanzlerin verkündet, wo sich der Wanderzirkus IT-Gipfel im nächsten Jahr treffen wird und schon fängt alles wieder von vorne an. 

Schon der Name des Treffens sollte zu denken geben. Denn in der Branche redet man schon lange nicht mehr von der IT-Gesellschaft, sondern von der digitalen Gesellschaft. Das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied, der vor allem zeigt, dass die klassische Informationstechnologie einen veränderten Stellenwert bekommen hat. Die Treiber der Veränderungen sind eben nicht die herkömmlichen deutschen IT-Unternehmen, sondern die Startups - hierzulande, aber vor allem im Silicon Valley. Der IT-Gipfel wird vor allem genutzt, um das eigene Revier zu markieren und die Claims für die nächsten Jahre zu abzustecken. 

Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) ist gut beraten, das Format des IT-Gipfels gründlich zu überdenken und für 2015 ein Veranstaltungsformat zu entwickeln, das mehr ist als eine Zusammenkunft vieler älterer Männer mit der Kanzlerin. Es ist längst überfällig, dass die Zivilgesellschaft integriert wird, es ist längst überfällig, dass nicht nur geduldiges Papier produziert wird und es ist vor allem längst überfällig, dass man sich nicht nur gegenseitig auf die Schultern klopft, sondern dass der IT-Gipfel an der Umsetzung der formulierten Ziele gemessen wird.

Letztes Jahr fand der IT-Gipfel übrigens nicht statt. Gemerkt hat es eigentlich niemand.

Nico Lumma arbeitet als selbstständiger Berater und Autor in Hamburg und ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes. Er bloggt auf lumma.de.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×