Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.09.2014

13:22 Uhr

Der Transformer

Mittelstand, digitalisiere dich!

VonNico Lumma

Für die meisten kleinen Unternehmen hat der Trend zu Digitalisierung und Vernetzung Umfragen zufolge keine Relevanz. Das grenzt an Ignoranz, denn der Trend wird auch vor ihnen keinen Halt machen.

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

Nico Lumma ist freier Berater und gehört zu den wichtigsten Internet-Köpfen in Deutschland.

Ganz Deutschland stellt sich munter der Digitalisierung und applaudiert der Bundesregierung, dass sie nun endlich mal eine digitale Agenda vorgestellt hat? Nein, es wird Widerstand geleistet und zwar durch das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, dem Mittelstand. Letzte Woche wurde in der FAZ eine Studie von GfK Enigma im Auftrag der DZ Bank vorgestellt und die Zahlen zeigen bestenfalls, dass es dem Mittelstand viel zu gut geht. Anders lässt sich nicht erklären, dass für 70% der Unternehmen mit weniger als 5 Millionen € Umsatz die Digitalisierung kaum oder keine Relevanz hat. Bei Unternehmen mit weniger als 125 Millionen Euro Umsatz ist die Digitalisierung auch nur für die Hälfte der befragten Unternehmen relevant.

Das muss man erst einmal sacken lassen. Da rollt mit Industrie 4.0 eine massive Welle auf den deutschen Mittelstand zu, da verändern sich global die Produktionsprozesse durch das Fortschreiten der Automatisierung, da wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2020, also in lumpigen 6 Jahren, mehr als 50 Milliarden Geräte am Netz hängen werden, und der Mittelstand findet das nicht relevant. Ist das noch Chuzpe oder einfach nur Ignoranz? Ist der deutsche Mittelstand einfach zu satt und scheut daher die Veränderungen?

Nachvollziehen kann ich die Befürchtungen von 90% der befragten Unternehmen, dass es um die Sicherheit ihrer Daten nicht gut bestellt ist. Die Enthüllungen des Edward Snowden haben leider auch aufgezeigt, wie nackt Deutschland dasteht. Wenn nicht nur die Telekom, sondern auch regionale Netzbetreiber wie Netcologne von NSA und GCHQ ausspioniert werden, dann stärkt das nicht gerade das Vertrauen in das Netz. Warum allerdings der Aufschrei der Wirtschaft ausbleibt, finde ich weiterhin völlig unverständlich. Das sogenannte Cyber-Abwehrzentrum ist seinen Namen nicht Wert, ansonsten wäre Deutschland den Spionage-Aktivtäten der Partner USA und Großbritannien nicht so ausgeliefert. Das verlorene Vertrauen in die Sicherheit der Daten wird zu einem ernsthaften Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Allerdings sollte sich der deutsche Mittelstand dringend überlegen, ob die zurückhaltende Rolle bei der Digitalisierung nicht eine lange erarbeitete Vorreiterrolle auf dem Weltmarkt aufs Spiel setzt. Wir haben in den letzten 20 Jahren in unzähligen Wellen der Disruption in den unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft gesehen, dass die Marktteilnehmer mit dem größten Beharrungsvermögen am Ende ohne Strategie und Perspektive in die Ecke gedrängt wurden.

Die digitale Transformation wird auch vor dem deutschen Mittelstand nicht halt machen und man sollte die Veränderungsprozesse lieber aus eigener Kraft und mit einer eigenen Strategie anstoßen, als zu spät den Entwicklungen hinterherzulaufen.

Nico Lumma arbeitet als selbstständiger Berater und Autor in Hamburg und ist Mitglied der Medien- und netzpolitischen Kommission des SPD Parteivorstandes. Er bloggt auf lumma.de.

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Clemens Keil

17.09.2014, 11:18 Uhr

Manchmal kann Ignoranz ganz nützlich sein!
Was Vorstand und Firmeninhaber über die Sicherungsmöglichkeiten der heutigen IT-Infrastruktur wissen sollten:
Zwar liegen Ihre "Kronjuwelen" (sprich: Blaupausen, Erfindungen,...) in einem "Safe", gehen Sie aber davon aus, dass der eine oder andere Spionagedienst Zweitschlüssel besitzt.
Zwar sind Ihre Know-how-Träger verschwiegen, gehen Sie aber davon aus, dass der eine oder andere Spionagedienst mitliest, was sie auf ihrem PC so treiben.
Zwar mögen Preisinformationen und Kalkulationen Ihrer Produkte und/oder Dienstleistungen geheim sein, gehen Sie aber davon aus, dass der Stempel geheim den einen oder anderen Spionagedienst geradezu anlockt, Ihr Geheimnis zu enttarnen.
Gehen Sie davon aus, dass die IT-Industrie Sie in - falscher - Sicherheit wägen will.
Gehen Sie davon aus, dass auch persönliche Daten bei anderen Firmen und Behörden, trotz gegenteiliger Beteuerungen, von interessierter Seite abgegriffen werden (jüngstes Beispiel: bayerische Steuerbehörden - guten Morgen Herr Söder!).
Gehen Sie davon aus, dass die Sicherheitsempfehlungen sogenannter IT-Experten funktional zwar richtig und berechtigt sind, aber aus einer integrierten Gesamtsicht heraus unvollständig und lückenhaft sind.
Wenn Sie sich von diesem Schock erholen wollen, empfehle ich Ihnen die NSA-Trilogy des Singer-Songwriter's Sigismund Ruestig:

http://youtu.be/v1kEKFu6PkY
http://youtu.be/pcc6MbYyoM4
http://youtu.be/_a_hz2Uw34Y

Viel Spaß beim Anhören.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×