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10.09.2014

15:28 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Der verantwortungslose Staat

VonAxel Kleinlein

Das Versprechen, das Mutter Bundesrepublik ihren Schäflein einst gab, konnte sie nicht halten. Der sozialen Absicherung hat sie sich zum Teil entledigt. Die private Vorsorge liegt darnieder. Geschichte einer Täuschung.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es war einmal eine kleinere Bundesrepublik. Dort lebten und arbeiteten die Menschen, zahlten ihre Steuern und zahlten auch ihre Beiträge zur Sozialversicherung. Der Staat übernahm die Verantwortung. Er mühte sich um eine annehmbare Absicherung seiner Bürger. Es bestand Konsens, dass er seiner Verantwortung auch recht annehmbar gerecht würde. Man war sich einig, dass sich alle gemeinsam freiwillig auf dieses System geeinigt hätten – auch wenn böse Zungen wisperten, dass die kleine Bundesrepublik das nicht ganz freiwillig machen würde. Denn sie müsse ja dem kleineren Nachbarn zeigen, dass man auch immer soziale Verantwortung für seine Bürger übernehmen wolle und stets soziale Kälte meide.

Es gab aber auch Bürger, die sich mokierten, dass die Leistungen des Staates doch eigentlich höher sein sollten. Und nochmals andere riefen dazu auf, dass sich der Staat zurückziehen solle und die Eigenverantwortung der Bürger gestärkt werden müsse. Es wäre besser, der Staat würde Infrastruktur oder gar soziale Absicherung in private Hände legen. Und die Stimmen raunten sich zu, dass es auf einer gar nicht so fernen Insel eine starke Frau gäbe, die diese Ideen tatsächlich verfolgte! Doch diese Stimmen waren leise und fanden nur wenig Gehör.

Aber dann änderte sich alles!

Denn die kleine Bundesrepublik und der Nachbar kamen sich auf einmal sehr nahe. Man wiedervereinigte sich gar. Und die nun nicht mehr ganz so kleine Bundesrepublik machte sich auf, sich der neuen Verantwortung zu stellen: Die Infrastruktur sollte auf einen einheitlichen Stand gebracht werden, alle Bürger sollten gleichermaßen abgesichert werden und die Landschaften sollten blühen. Doch dies war alles nicht so einfach. Und es wollte nicht gelingen, wirklich allen Bürgern in kurzer Zeit einen Telefonanschluss zu geben, die Eisenbahn hatte noch immer Verspätung und statt prächtiger Blüten fanden sich zuweilen garstige Disteln. Nun war guter Rat teuer!

Und so bekamen nach einigen Jahren die einstmals leisen Stimmen immer mehr Gehör. Zwar war auf der nahen Insel die einstmals starke Frau längst abserviert und die Erfolge der Privatisierung mochten sich dort nicht richtig einstellen. Doch nun gab es in der Bundesrepublik eine starke Frau! Und sie entschied sich einen neuen Weg zu gehen: Es galt nun, vieles in private Hände zu legen, worum sich der Staat früher gesorgt hatte.
Und so bekamen die Bürger die Aufgabe, sich immer mehr selbst um die eigene Absicherung zu kümmern. Man solle sich der Finanzwirtschaft bedienen um einen Ersatz für die einstmals starke, staatliche Absicherung zu finden.

Kommentare (5)

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Herr Burkhard Otto

10.09.2014, 16:25 Uhr

Schade, dass der Verfasser dieser polemischen Zeilen die Leistungen Frau Thatchers und die Ergebnisse ihrer Politik so anders wahrnimmt als viele Briten und Ökonomen.

Mich interessiert, welche Lösung er für das angesprochene Problem der sozialen Absicherung vorschlägt. Denn schließlich wird er hoffentlich nicht wollen, dass die größere Bundesrepublik so endet wie der andere "rundumsorglos-Staat".

Herr Omarius M.

10.09.2014, 16:50 Uhr

Mit der Agenda wurde der inneren zusammenhalt gekündigt..
kaufkraft und lebensleistung breiter massen entwertet
und heute wundert man sich warum der Konsum so mies ist...
gleichzeitig erzeugt es status angst in allen "unteren mittelschichten"...

Und im anbetrachte dessen das keiner unserer "nachbarn" sich an absprachen hält war das opfer auch sinnlos...

der Euro wird nu zur Lira gemacht...
die staaten zentralisiert.....
und die wirtschafts eingriffe immer massiver....
Mittelstand abgewürgt

und der Fall wird hochsein.....

weil der D absolut keine ahnung hat was da serviert wird.. (in der breiten Masse)....

er ist der Frosch in dem im moment nur warmen wasser.....



Herr Stefan Stäcker

10.09.2014, 17:27 Uhr

Eine einleuchtende Darstellung nahezu brillant einfach, die hoffentlich eine breitere Leserschaft erreicht und zur Einsicht verhilft. Einmal mehr, aber eben gut verständlich, wird eine Fehlentwicklung angesprochen, die dem kritiklosen Lauf der Lemminge hin zur Privatisierung um jeden Preis folgt. Die "Befreiung" des Staates von der Versorgungsverantwortung gegenüber seinen Bürgern zugunsten der Gewinnmaximierung privater Dienstleister ist ethisch und moralisch ein Tiefpunkt im Verständnis der modernen Variante sozialer Marktwirtschaft.

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