Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.11.2014

14:42 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Die falschen Kunden

VonAxel Kleinlein

Eine Versicherung sollte auf den Kunden zugeschnitten sein. Schön wär's! In der Versicherungswelt gilt nicht selten die umgekehrte Devise: Der Kunde soll gefälligst zum Versicherungsprodukt passen. Verkehrte Welt.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es gibt Witze, die nicht besonders lustig sind und trotzdem zu bestimmten Gelegenheiten immer wieder aufs Neue gerissen werden. Wenn der Bürger zum Beispiel zur Wahl aufgerufen wurde und das Ergebnis bestimmten Politikern und Kommentartoren nicht passt, dann gibt es einen ganz bestimmten Witz. Besonders wenn die politischen Verhältnisse am Ende verworren sind oder aber eine unappetitliche Partei den Einzug ins Parlament findet, dann heißt es immer: „Da hätten sich die Politiker doch besser ein anderes Volk wählen sollen!“ Ha ha ha!

In der klassischen Witzanalyse stellt man schnell fest, dass die Pointe daher rührt, dass die Verhältnisse umgekehrt werden. Anstatt dem Bürger das Votum über den Politiker zu geben, sind auf einmal die Politiker die Akteure. Es wird im Witz suggeriert, dass ja eigentlich die Politiker ganz famose Arbeit leisten würden, nur dass die Bürger eben nicht zu dieser Politik passen würden und das Land daher eigentlich ganz andere Bürger bräuchte.

Richtig lustig ist der Witz nicht. Und glücklicherweise passt er auch nicht wirklich zu unseren politischen Verhältnissen. Leider ist eine ganz ähnliche Denke in der Versicherungswirtschaft ernst gemeint. Zumindest wenn man den Ausführungen eines Professors auf der jüngsten „Leitmesse für die Finanz- und Versicherungswirtschaft“ DKM Glauben schenken kann.

Dort erklärte der Wissenschaftler laut Versicherungsjournal, dass es „kein Problem mit der Produktwelt“ gäbe, sondern nur ein „Mismatch zwischen Kunden und Produkten“. Anders ausgedrückt: Die Produkte sind in Ordnung, nur der Kunde passt nicht zum Produkt. So ähnlich wie die Politik, die von den Politikern gemacht wird immer gut sei, der Bürger aber eben leider nicht passt.

Bei einem „Mismatch“ funktioniert die Zuordnung nicht. In unserem Fall heißt das: Die Paarung „Versicherungsprodukt-Versicherungsnehmer“ stimmt nicht. Ein solches Mismatch kann von zwei Seiten betrachtet werden: Entweder passt das Produkt nicht zum Kunden oder aber der Kunde passt nicht zum Produkt. Und weil wir ja auch von dem Herrn Professor wissen, dass die Produkte in Ordnung seien, muss es also an den Kunden liegen.

Ursächlich für das Dilemma ist dann also der Kunde, der nicht zum Versicherungsvertrag passen will. Diese Sichtweise erleben wir immer wieder. Es ist ja auch unverschämt, wenn die Aktuare und Produktentwickler so großartige Tarife auflegen, am Schluss aber der Kunde, damit nichts anfangen kann. Die Verbraucher sollten sich gefälligst am Riemen reißen. Es ist ja deren Aufgabe dafür zu sorgen, dass am Schluss der Vertrag passt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×