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30.07.2014

21:18 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Die geschönte Massenflucht

VonAxel Kleinlein

Auf der Suche nach positiven Meldungen feiern die Versicherer sinkende Stornozahlen bei Lebenpolicen. Eine Farce, denn ein Blick auf die Statistik zeigt: Versicherte kündigen massenhaft ihre Verträge.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Die deutschen Lebensversicherer haben bitte Hilfe nötig. Sie brauchen Geschenke und das nicht zu knapp. Zwar waren für die Unternehmen schon ein paar Zuckerle im Lebensversicherungsreformgesetz. Aber eben auch nicht nur. Zum Beispiel dürfen die Unternehmen zukünftig nicht mehr so arg an versterbenden Rentnern profitieren. Das tut weh, auch wenn die Kunden zukünftig ein paar Milliarden weniger an Bewertungsreserven ausgeschüttet bekommen sollen.

Angesichts dessen hält man sich an jedem nur positiven Trend fest, als wäre es der sprichwörtliche Grashalm, an dem man sich aus der Gülle ziehen möchte. Da feiert man sich schon dafür, wenn die Stornoquote um 1,6 Promille sinkt. Oder anders ausgedrückt: Der Lobbyverband bejubelt, dass 2013 von 10.000 Kunden durchschnittlich 16 Kunden weniger pro Jahr kündigten als noch 2012! Das muss man doch feiern! Und was für ein deutlicher Vertrauensbeweis das doch ist. 16 Stornierer weniger auf je 10.000 Kunden zeigt einen deutlichen und massiven Trend, oder?

Man mag mir jetzt vorwerfen, dass das doch etwas defätistisch wäre, wenn ich mich an der minimalen Verbesserung der Stornoquote von 1,6 Promille abarbeitete. Ich sollte wohl besser das niedrige Niveau der Stornierungen an sich würdigen. 3,32 Prozent ist ja wirklich ein niedriger Wert. Das müsse man doch würdigen, oder?

Geht man von 10.000 Kunden aus, dann verbleiben nach einem Jahr also 332 weniger Kunden im Bestand. Dann sind also (wir tun mal so als würde niemand sterben) noch 9.668 Kunden am Ball. Von denen stornieren im Folgejahr dann auch 3,32 Prozent, also nun 321 Versicherte. Es verbleibt danach ein Kundenstamm von 9.347. Exerziert man diese Betrachtung durch, dann sind nach 10 Jahren noch 7.136 Kunden übrig, nach 20 Jahren noch 5.092 und nach 30 Jahren gerade noch 3.633. Anders ausgedrückt: Nach 30 Jahren sind noch 36,3 Prozent im Vertrag und die anderen 63,7 Prozent haben ihrem Vertrag den Rücken gekehrt.

Dank der rührigen Arbeit des Lobbyverbandes wissen wir auch alle, dass wir mit unserer Altersvorsorge möglichst früh beginnen sollen. Vertragliche Vertragslaufzeiten von 35 Jahren sind da keine Seltenheit. Wie hoch ist dann der Anteil der Kunden, der bei einer solchen Laufzeit am Ende nicht gekündigt hat, unterstellt man die geringe Stornoquote von 3,32 Prozent? Gerade mal 30,7 Prozent halten dann noch am Vertrag fest.

Kommentare (3)

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Herr Manfred B�hr

31.07.2014, 13:53 Uhr

Meiner Meinung nach ist die dargestellte Rechnung unvollständig, es fehlen
A die Berücksichtigung von Neuabschlüssen (angeblich zur Zeit eher gering) und
B die normalen Versicherungsabläufe aufgrund Erreichen des vertraglich vereinbarten Laufzeitendes (nicht alle Versicherungen werden vor Fälligkeit gekündigt).

Wird eine durchschnittliche vereinbarte Versicherungslaufzeit von 20 Jahren unterstellt, würden auch ohne vorzeitigen Kündigungen rd. 5% p. a. des Versicherungsbestandes abfliessen.

Da zur Zeit Anlage in Lebensversicherungen nicht sehr populär ist (mögliche Gründe sind: seit 2005 nicht mehr 100% steuerfrei, Diskussion über (zu) hohe Provisionszahlungen, aktuell geringes Zins- und damit Renditeniveau), wird zumindest kaum noch klassisches Versicherungsgeschäft geschrieben.

Das errechnete Szenario (nach 35 Jahren Reduzierung des Versicherungsbestandes auf < 25%) erscheint mir eher als zu optimistisch.

Herr Dr. Thomas Bernstein

31.07.2014, 15:23 Uhr

Ich möchte dem Kommentar von Herrn Manfred Bähr in seinen Punkten A) und B) zustimmen:
Herr Diplommathematiker Kleinlein präsentiert uns hier eine selten schöne "Milchmädchenrechnung" indem er bei seiner Abgangsquote einfach die regulären Abgänge nach Ende der Versicherungszeit unterschlägt und bei Neuabschlüssen wohl unrealistischerweise von Null ausgeht.
Also so etwas Unseriöses habe ich noch nicht gelesen. Und der Kollege kommt ja, nach seiner Vita, aus der Versicherungswirtschaft?
Naja, könnte man sagen, es hat halt jeder mal einen schlechten Tag. Leider ist es doch aber so, daß Handelsblatt- Beiträge ansonsten eine hohe Qualität haben und oft zitiert werden- das wäre hier aber peinlich, liebe Redaktion!

Herr Bankmensch Insider

31.07.2014, 16:44 Uhr

Herr Kleinlein ist halt ein typischer Verbraucherschützer:
Sie stellen sich als Experten dar und kommen mit schlecht rechercjierten Aussagen oder Parolen auf Bildzeitungsniveau daher. Das lässt sich täglich beobachten - egal, auf welche Branche gerade eingedroschen wird. Schade, dass man als "Verbraucherschützer" keine Qualifikation vorweisen und für seine Aussagen haften muss!

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