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24.09.2014

14:20 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Gegen den Nebel

VonAxel Kleinlein

Mit dem Tod von Manfred Poweleit geht Deutschland ein brillanter Versicherungsanalytiker verloren. Menschen wie ihm ist es zu verdanken, dass die Versicherer kleine Schritte hin zu mehr Transparenz gehen (müssen).

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Intransparenz ist kein Modewort. Intransparenz ist als Problem der Versicherungswirtschaft uralt. Nur dank Intransparenz konnten die Versicherer über Jahrzehnte, fast Jahrhunderte hinweg viele unnütze und für viele Verbraucher falsche Produkte verkaufen. Über die meiste Zeit blieb dies unbemerkt und verborgen, weil es gerade keiner erkennen konnte. Es war eben „intransparent“. Erst seit wenigen Jahrzehnten bemühen sich unterschiedlichste Marktbeobachter darum, wenigstens etwas Orientierung zu geben.

Und diese Orientierung ist dringender denn je. Gab es zum Beispiel in der Lebensversicherung bis etwa 2000 fast nur die normalen Standardprodukte mit einer eher standardisierten Kalkulation, so hat sich dies grundlegend geändert. Früher wären die Aktuare nicht auf die Idee gekommen, eine Minderung des Garantiezinses als „Kosten“ zu verbrämen. Heute ist das aber Gang und Gäbe.

Mehr und mehr Unternehmen erheben auch bei klassischen Tarifen Kosten auf das angesparte Deckungskapital. Für den Kunden stellt sich das ganz genauso dar wie eine Garantiezinsminderung. Es verkauft sich aber für das Unternehmen besser, wenn man nur von „Kapitalanlagekosten“ redet als von einer solchen Zinsminderung. Ergebnis: Intransparenz!

Früher war es für die Lebensversicherer nicht notwendig, mit solchen Tricks zu arbeiten. Denn es gab einfach niemanden, der die Unternehmenspraxis durchschauen konnte. Die Versicherungswirtschaft war recht abgeschottet, die Aufsichtsbehörde kritisierte derartiges Verhalten nur im Stillen und der Verbraucherschutz steckte noch in den Kinderschuhen und beschäftigte sich lieber mit Apfelsaft und Waschmaschinen. Auch den kritischen Wirtschaftsjournalismus gab es kaum, weil es auch wenig interessierte Leser gab.

Es waren dann einzelne Personen, die sich mit großem Engagement daran machten, dieser gelebten Intransparenz etwas entgegenzusetzen. Mit Ratings und Rankings begannen mehr und mehr Experten die einzelnen Tarife zu durchleuchten oder auch die Unternehmen als Ganzes unter die Lupe zu nehmen. Und das war dann der Startschuss für das Hase- und Igelspiel: Hat diese Fachöffentlichkeit einen Kritikpunkt herausgearbeitet und das dann auch der Öffentlichkeit klar gemacht, so änderte die Versicherungswirtschaft flugs die Produkte, sodass die Kritiker erst einmal wieder nachrüsten mussten.

Das ist auch heute noch so. Und noch schlimmer als früher bekommen die Versicherer noch stärker Schützenhilfe von Aufsichtsbehörde und Politik. Mit den bald auszuweisenden „Effektivkosten“ haben Versicherer, Aufsichtsbehörde und Politik mit Unterstützung der Wissenschaft einen Coup für zusätzliche Intransparenz gelandet.

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