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28.05.2014

15:02 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Gewissenlose Kündiger

VonAxel Kleinlein

Verbraucher können ihre Lebensversicherung kraft Gesetz kündigen – und das ist gut so. Dennoch kritisieren Experten, vertragstreue Kunden würden durch Kündiger benachteiligt. Eine unkonventionelle Sicht auf die Dinge.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es scheint, die Lebensversicherung hat derzeit einen einzigen wirklich großen Feind: den Kündiger – oder auch die Kündigerin. Es handelt sich dabei um genau diejenigen Versicherungskunden, die ihren Vertrag nicht weiter fortsetzen wollen. Diejenigen, die nicht mehr bereit sind, ihr Geld in die Tarife der Versicherungsunternehmen zu investieren. Die Verbraucher, die rücksichtslos auf dem Rücken der anderen den Vertrag auflösen und dabei sogar den Rückkaufswert haben wollen!

Und dabei haben diese Kunden sogar noch Recht und Gesetz auf ihrer Seite. Denn zum einen ist in den Versicherungsbedingungen geregelt, dass die Verträge gekündigt werden können. Und zum anderen gibt es im Versicherungsvertragsgesetz einen Passus, der besagt, dass jeder Vertrag „bei dem der Eintritt der Verpflichtung des Versicherers gewiss ist“ gekündigt werden kann. Und der Kunde erhält dann sogar zwingend den Rückkaufswert.

Wann ist nun eine solche Verpflichtung „gewiss“? Genau dann, wenn der Versicherer immer zahlen muss, egal, ob der Kunde lebt oder verstirbt. Das ist zum Beispiel bei einer Kapitallebensversicherung der Fall. Wenn die versicherte Person vor Vertragsende verstirbt, dann gibt es Geld für die Hinterbliebenen. Wenn die versicherte Person aber das Vertragsende erlebt, dann gibt es auch Geld. Es ist also „gewiss“, dass das Versicherungsunternehmen zahlen muss. Es ist nur ungewiss, wann das der Fall ist.

Auch bei den meisten Rentenversicherungen ist „gewiss“, dass der Versicherer etwas zahlt. Natürlich muss er die Rente zahlen, wenn der Kunde den Rentenbeginn erlebt. Und verstirbt der Kunde vorher, dann gibt es meist die bis dato gezahlten Beiträge zurück, denn fast immer ist bei diesen Rententarifen ja eine Beitragsrückgewähr vereinbart.

Wenn der Rückkaufswert höher ist als das, was es im Todesfall gibt, dann kann der Versicherer auch darauf bestehen, nur einen Rückkaufswert in Höhe dieser Todesfallleistung auszuzahlen. Aus dem überstehenden Betrag muss dann aber eine beitragsfreie Versicherung gebildet werden – das steht auch im Gesetz. Leider „vergessen“ manche Versicherer, dem Kunden dann mitzuteilen, dass es noch eine beitragsfreie Versicherung gibt. Aber vermutlich ist das niemals böse Absicht.

Denn die Bösen sind ja genau die Kunden, die nicht nur das Gesetz auf ihrer Seite wissen, sondern sich auch noch auf das Gesetz berufen. Und es handelt sich nicht nur um wenige schwarze Schafe, die heimlich und perfide kein Geld mehr an die Versicherung überweisen wollen. Nein! Es sind ganze Herden schwarzer Schafe, unter denen die weißen Lämmer der „vertragstreuen“ Kunden geradezu untergehen. Betrachtet man Verträge, die 35 Jahre laufen, dann kommen auf ein weißes Lamm zwei schwarze Schafe. Oder anders ausgedrückt: Zweidrittel aller Verträge werden gekündigt.

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