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27.08.2014

14:17 Uhr

Der Ver(un)sicherer

Schlechte Qualität verkauft sich am besten

VonAxel Kleinlein

Je schlechter das Produkt, umso besser das Geschäft: Der Grundsatz ist zwar nicht intuitiv. Für die private Altersvorsorge in Deutschland aber trifft er zu. Warum Politik und Lobby eine gute Vorsorge gar nicht wollen.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Axel Kleinlein gilt aktuell als einer der schärfsten Kritiker der Versicherer. Er ist Vorsitzender des Vorstandes beim Bund der Versicherten.

Es gibt eherne Grundsätze der Ökonomie, an die jeder glauben muss, der sich mit Wirtschaft beschäftigt. Einer davon besagt, dass sich in einem ansonsten freien und homogenen Markt die qualitativ guten Produkte durchsetzen würden gegenüber den ansonsten minderwertigen Angeboten. Streng nach der Devise: Ich gehe doch besser zu dem Bäcker mit den leckeren knusprigen Semmeln als zu dem zu gehen, der nur labbrige Schrippen hat. Und wenn beide Bäcker nur schwer verdauliche Backwaren anbieten, dann greife ich eben zu türkischem Pide.

Können Sie sich vorstellen, dass es umgekehrt sein könnte? Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Sie zu einem Bäcker gehen, der genau deswegen viele Brötchen verkauft, gerade weil seine Ware labbrig und gummiartig ist. Wo die Kunden an den Tresen treten und sich darüber bitter beklagen, wie unverdaulich die Brötchen seien und deswegen noch mal nachlegen und Nachschlag wünschen. Es erscheint absurd, ist aber die Realität in der Altersvorsorge.

Wir werden es in den nächsten Monaten wieder erleben. Der Jahresendverkauf steht vor der Tür. Und durch die niedrigeren Überschüsse, die Streichung wichtiger Teile der Bewertungsreserven und niedrigere Garantien können die Vermittler mit Fug und Recht argumentieren: Die bisherige Altersvorsorge reicht nicht aus, die Rentenlücke wird größer und nun müsse noch mehr zusätzliche private Altersvorsorge betrieben werden. Für die Vermittlerschaft stehen die Zeichen also auf Verkauf.

Die Entscheidungen der Bundesregierung helfen da sehr: Eine neue Rentenlücke, erzeugt durch gestrichene Überschüsse. Eine bislang erfolgreiche Strategie. Seit mehr als zehn Jahren wird Verbrauchern eingebläut, mehr private Altersvorsorge zu betreiben. Die Angst vor der immer größer werdenden Rentenlücke wird zunehmend geschürt, da die Überschüsse im gleichen Zeitraum auch immer weiter sinken und die Produkte auch vielfach schlechter werden.

Und die anscheinend alternativlose private Altersvorsorge wird weniger und weniger in Frage gestellt. Die sinkenden Überschüsse und die immer unverständlicheren Angebote gelten als ebenso unvermeidbar wie die zuweilen dreistelligen durchschnittlichen Lebenserwartungen, die den Rentnern unterstellt werden und die Bezüge zusätzlich schrumpfen lassen.

Kommentare (6)

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Herr Fritz Tolas

27.08.2014, 14:54 Uhr

"Den Mut für neue Konzepte müssen andere aufbringen" - leider auch die Devise von Herrn Kleinlein. Wobei ich aber seine fundamentale Opposition gegen die Versicherungswirtschaft als sehr anregend und inspirierend aufnehme. Trauen Sie sich doch einfach mal Alternativkonzepte für verschiedene Zielgruppen als Diskussionsgrundlage darzustellen.

Herr Marcus T.

28.08.2014, 07:58 Uhr

Ich kann Ihnen gern mein "Rezept" verraten das sich auch die letzten Jahre/Jahrzehnte trotz einiger Schwankungen bewährt hat: Langfristanlage (Nicht kurzfristiges spekulieren - sondern langfristiges Investieren) in Aktien aus verschiedenen Ländern/Branchen, weltweite Aktienfonds, ETF´s, ein kleiner Anteil Gold (natürlich physisch). Netter Nebeneffekt neben einer zwar durchaus manchmal volatilen Wertentwicklung sind laufende Ausschüttungen die für neue Investitionen (oder auch mal als Urlaubsgeld) verwendet werden können. Auch einen Riestervertrag (allerdings als reinen Investmentfonds - ohne teuren Versicherungsmantel) nutze ich persönlich gern (gute Renditen des Anlageproduktes, steuervorteile/Zulagen).
Gerade für jüngere wäre diese Form/Strategie der Altersvorsorge ideal - als netter Nebeneffekt wird die eigene Einkunftsbasis auch nach Branchen/Ländern diversifiziert so dass die Fehlleistungen der Politik hierzulande zumindest zum Teil durch positive Entwicklungen andernorts aufgewogen werden können.

Großes Problem jedoch hierbei: Als jemand der im Fach versiert ist, kann ich Herrn Kleinlein hier nur zustimmen: Die Politik will überhaupt keine produktive Altersvorsorge. Denn genau die von mir betriebene und in den letzten 50 Jahren (als Langfristanlage - nicht zur kurzfristigen Spekulation) wohl renditestärkste Anlage wird von der Politik boykottiert, schikaniert , diffamiert und sanktioniert: Irrsinnige und Kostenintensive Beratungsprotokolle, Irrsinnige und oft total überflüssige Informationsberge müssen dem Kunden ausgehändigt werden (so dass dieser oft total verunsichert ist und sich zum Schluss überhaupt nicht mehr auskennt), zudem die gute Publicity der "fach- und wirtschaftskundigen" Politiker über Börsen, Wirtschaft, Spekulanten usw. Sarkastisch betrachtet könnte man feststellen, dass sich hier stets die Leute zu wirtschafts- und Finanzthemen äußern die selbst am wenigsten Ahnung haben (siehe Bundesrechnungshof: Verschwendung von Steuergeldern usw)

Herr Rainer P.

28.08.2014, 11:00 Uhr

@Trainus
Natürlich hat der Staat kein Interesse daran, dass die Leute sich bilden und Ihre Geldanlage selber machen. Und natürlich macht der Staat alles um das eher zu torpedieren, zu verhindern oder durch Bürokratische Monster so schwer wie möglich zu machen..... Denn wer würde denn sonst die ganzen Bundesanleihen kaufen, wenn die Leute plötzlich keine Lebensversicherungen, Rentenversicherungen, betriebliche Altersvorsorge im Versicherungsmantel kaufen würden?

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