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01.10.2011

10:20 Uhr

Dutschke spricht

Bye, bye Mittelschicht...

VonMarek Dutschke

Es scheint, als gelte der eherne Grundsatz nicht mehr, dass es jeder neuen Generation immer noch etwas besser geht als den Eltern. Müssen wir uns also bald von der Mittelschicht verabschieden?

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Eine neu erschienene Studie aus den USA hat mich jüngst schockiert. Darin wurde untersucht, ob die heute Vierzigjährigen, also die Kinder der Babyboomer, wie ihre Eltern der Mittelschicht angehören. Das Ergebnis war erschreckend: knapp ein Drittel der Befragten verdienen bedeutend weniger als ihre Eltern im vergleichbaren Alter - oder sind sogar in die Unterschicht abgerutscht. Wie kann das sein? Gilt der eherne Grundsatz denn nicht mehr, dass es jeder neuen Generation durch zusätzliche Möglichkeiten und Bildungschancen immer noch etwas besser als den Eltern geht? Die Babyboomer haben ihren Kindern alles geboten: Bildung, Geld, Freiheit. Welcher Logik folgt nun heutzutage der soziale Auf- und Abstieg? Den Fieberkurven der Börsen?

Durch das wachsende Wohlstandsgefälle und die stagnierenden Einkommen schwindet die Mittelschicht. Das Individuum verliert die eigene Möglichkeit, sein Schicksal zu gestalten. Alles unterliegt der Macht von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen. Noch erschreckender als die Tatenlosigkeit der Politik ist die Tatsache, dass die Daten für die Studie noch vor Beginn der Finanzkrise 2008 erhoben wurden. Meine Vermutung ist, dass sich die Situation der Mittelschicht mittlerweile noch dramatisiert hat. Doch statt sich dieser Problematik zu stellen, streitet die Politik darüber, ob es angemessen ist, dass Menschen, die über eine Million Dollar durch Kapitalerträge im Jahr verdienen, einen moderaten Mindeststeuersatz bezahlen sollen. Denn schließlich zahlen diese Leute meistens weitaus weniger Steuern als der Durchschnittsbürger, begünstigt durch staatliche Regelungen. In den letzten Wochen haben die republikanischen Präsidentschaftsbewerber Obama ernsthaft unterstellt, dass er im marxistischen Sinne einen Klassenkampf gegen die Reichen führe. Die Schere zwischen arm und reich bleibt also weiterhin weit offen.

Die Lage in Deutschland ist zwar nicht ganz so dramatisch, doch auch hierzulande ist die Mittelschicht gefährdet. Die heute 30-jährigen sind durch befristete Verträge und  Praktika an prekäre Arbeitsverhältnisse gebunden. Ihre Elterngeneration hatte meist im vergleichbaren Alter schon einen unbefristeten Job, eine Familie und wahrscheinlich auch ein Häuschen. Es kommt nicht von ungefähr, dass es in Deutschland heutzutage oft die Eltern sind, die ihren Kindern Eigentumswohnungen kaufen. Letztlich ist anzunehmen, dass nur Wenige das sozial-ökonomische Niveau der Eltern erreichen werden – trotz exzellenter Ausbildung mit Auslandsstudium und höheren Bildungsabschlüssen. Über alle Parteien hinweg wird die soziale Gerechtigkeit gepredigt, aber sie tun nicht genug für eine Generationsübergreifende Gerechtigkeit und dies muss gelingen damit hier keine amerikanischen Verhältnisse herrschen. Müssen wir uns also auch bald in Deutschland von der Mittelschicht verabschieden?

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Zuletzt war Marek Dutschke an der Hertie School of Governance und am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin tätig.

Kommentare (19)

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Realo

01.10.2011, 10:53 Uhr

Es wird - realistisch betrachtet - alles noch viel schlimmer kommen, Herr Dutschke. Führen Sie sich die Demografie in D vor Augen, die sinkenden Reallöhne, die immer weiter auseinanderdriftende Vermögensschere, die anhaltende Expansion der Geldmenge durch Zinseszins und weltweites Gelddrucken, die Machtlosigkeit und Inkompetenz der Politik, den globalen Wettlauf um die niedrigsten Steuern, die Entstehung einer immer größer werdenden Millardärselite, müssen wir davon ausgehen, dass dies in 20-30 Jahren zur Massenverarmung führen wird. Politisch betrachtet, werden die Ultrarechten zudem leichtes Spiel haben, weil die Brioni-Linken mit ihrer Wünsch-dir-was-Schuldenpolitik gnadenlos versagt haben.

Kalle

01.10.2011, 11:02 Uhr

Wir reden immer vom Versagen der Eliten, die das System in den Abgrund geführt haben. Aber das ist falsch. Den Eliten geht es nachweislich immer besser, versagt haben die also überhaupt nicht, im Gegenteil.

Account gelöscht!

01.10.2011, 11:35 Uhr

Mittelschicht? Sind das nicht die Menschen die hauptsächlich in klein- und mittelständischen Betrieben arbeiten? Also in den Betrieben die konsequent von Politik und Medien ignoriert werden?
Woher kommt also das aktuelle Interesse an der Mittelschicht, bisher war Sie Ihnen doch auch egal. Das Handelsblatt berichtet doch lieber über Dax-Unternehmen und die globale Finanzwirtschaft als über das kleine Maschinenbauunternehmen oder die Druckerei um die Ecke. Wenn man sich die Artikel hier so durchliest dann sollte man meinen die Wirtschaft besteht nur aus Großkonzernen und die Börse ist DER Gradmesser für den Zustand deutscher Betriebe. Ganz offensichtlich waren Sie und Ihre Kollegen schon lange nicht mehr dort wo noch wirklich gearbeitet wird. Der Wohlstand Deutschlands ist nicht in Dax-Unternehmen, oder an der Börse, begründet sondern im Mittelstand. Das ist übrigens auch der Ort wo die meisten Deutschen arbeiten. Wenn Sie also wirklich wissen wollen warum die Schere zwischen Arm und Reich ausseinander driftet und warum es der Mittelschicht immer schlechter geht, dann sollten Sie sich weniger mit den Finanzmärkten oder irgendwelchen internationalen Großkonzerne beschäftigen sondern wieder öfter über die wahre Wirtschaftsmacht Deutschlands, den Mittelstand, berichten. Dann erübrigen sich auch solche Kommentare.

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