Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.09.2012

12:29 Uhr

Dutschke spricht

Der Beste, um gut genug zu verlieren

VonMarek Dutschke

Peer Steinbrück ist ohne Zweifel der aussichtsreichste Kandidat der SPD-Troika. Aber ob er das Ruder rumreißen kann, ist fraglich. Ob er im anderen Fall die Arbeit unter Merkels Führung ablehnt, bleibt abzuwarten.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Durch seine hanseatisch-trockene und bisweilen großbürgerlich-arrogante Art, Wirtschafts- und Finanzthemen zu kommunizieren, ist Peer Steinbrück in der Lage, CDU- und FDP-Sympathisanten im großen Stil für die SPD zu öffnen. Ob sie ihn dann aber auch tatsächlich wählen, ist allerdings offen. Darauf wird es ankommen müssen, wenn Steinbrück Kanzler werden will. Die Umfragen sehen nicht gut aus. Das rot-grüne Lager dümpelt bei ungefähr 40 Prozent herum. Die ewige Kanzlerin sitzt fest im Sattel. Im Moment sieht es so aus, als liefe alles auf eine große Koalition hinaus – natürlich mit Peer und Konsorten am Kindertisch. Wenn es wirklich für Rot-Grün reichen soll, muss uns Steinbrück noch viel mehr seiner verborgenen Talente zeigen und gleichzeitig aufpassen, dass er für viele SPD-Stammwähler aus dem linken Lager nicht mit flapsigen Bemerkungen zur Reizfigur wird.

Steinbrück hat zwei Dinge, die entscheidend dafür waren, dass er sich gegen Steinmeier und Gabriel durchsetzen konnte: Ihm wird sehr große Kompetenz in Sachen Euro- und Finanzkrise zugeschrieben. Und er hat Charisma. Gerade in diesen zwei Dimensionen schwächelt die Kanzlerin. Damit könnte er ihr tatsächlich gefährlich werden. Vor einigen Jahren war ich bei einer Kulturveranstaltung, auf der Steinbrück, damals im Amt des Bundesfinanzministers, mit heftiger Inbrunst im Rollenspiel als Martin Heidegger schwülstige Liebesbriefe an Hannah Arendt vorgetragen hat. Der Saal lauschte gebannt und war fasziniert von der künstlerischen Leistung des sonst so bürokratischen Politikers. Diese Episode veranschaulicht Steinbrücks einnehmende Aura und die Art, wie er jedwede Veranstaltung zur Bühne für seine Sache machen kann. Er macht auch in Diskussionen mit Thilo Sarrazin oder Helmut Schmidt (eine zugegebenermaßen ungleiche Aneinanderreihung) eine gute Figur.

Doch der Kandidat Steinbrück hat auch Nachteile. Und was für welche. Obwohl er vor kurzem einen Vorschlag zur Zähmung von Banken vorgelegt hat, ist er nicht in der Lage, den linken Flügel der SPD zu begeistern. Linke Genossen halten ihn für zu konservativ und wirtschaftsliberal. Und Recht haben sie. Steinbrück tritt nicht für die Sorgen der kleinen Leute ein. Ihm geht es nicht um Mindestlohn, Hartz IV-Reform oder Steuergerechtigkeit. Ihm geht es immer um die ganz große weltpolitische Lage. Damit wirkt er fern von der Realität vieler Genossen. Im Vergleich zu Gerhard Schröder fehlt ihm die kumpelhafte Ausstrahlung. Mit Schröder konnte man sich stets vorstellen, ein Pils in der Eckkneipe zu trinken und dabei zu palavern. Bei Steinbrück stellt man sich eher einen schicken Tisch im Borchardt vor, auf dem zu viel Besteck liegt und der Weißwein teuer ist. Ein ungezwungenes Gespräch entsteht hier nicht, eher eine Lehrstunde von Professor Steinbrück. Mit diesem Bild gewinnt man natürlich weder die SPD-Linke noch Wähler anderer linker Parteien.

Als Juniorpartner von Mutti Merkel möchte Steinbrück nicht wieder arbeiten müssen. Unter Kanzler wird es für ihn nicht laufen. Dafür braucht er aber neben den Grünen noch einen weiteren Koalitionspartner. Die Linke scheidet natürlich aus. Die Piraten auch, und ob die überhaupt reinkommen, ist momentan ja höchst fraglich. Für Kanzler Steinbrück bleibt also nur die gute alte FDP. Damit könnte es dann ganz knapp zur Mehrheit reichen. Aber nach der jetzigen Koalitionserfahrung kann ich nur sagen, dass man sich mit der FDP auch immer gleich ganz viel Ärger und Streit an Bord holt.

Steinbrück ist der beste der drei Kandidaten. Aber ob er das Ruder rumreißen kann, ist fraglich. Vielleicht ist er nur der Beste, um gut genug zu verlieren, um nicht das Gesicht zu verlieren. Ob er dann wirklich die Arbeit unter Merkels Führung ablehnt, bleibt abzuwarten. Schließlich ist auch er ein Alphatierchen erster Güte, der sich gern jeden Tag in der Tagesschau sieht. In diesem Sinne: Peer, du hast keine Chance, nutze sie!

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Kapturak

29.09.2012, 13:12 Uhr

Warum "scheidet die Linke natürlich aus" ? Dass die FDP wieder in den Bundestag kommt, ist zur Zeit fraglich. Treten die freien Wähler auf Bundesebene an, werden sie die FDP vernichten und auch der CDU viele Stimmen abnehmen. Möglicherweise sind SPD und CDU dann ungefähr gleich stark. Dann ist Rot-Rot-Grün nicht mehr abwegig.

Was meinen Sie eigentlich mit "das Runder herumreißen"? Inhaltlich sind sich die Euro-Retter Parteien doch stets einig, insofern ist es egal, von welcher Partei der nächste Kanzlerdarsteller kommt.

merxdunix

29.09.2012, 22:47 Uhr

Charisma wäre schön, übersteigertes Ego trifft wohl eher zu. Ob man es Kompetenz nennen kann, wenn er auf die Darlegung komplexer Zusammenhänge seinen Zuhörern gegenüber verzichtet, scheint äußerst fraglich. Zweifellos ist Steinbrück jedoch der einzige deutsche Politiker, der die komplizierte Politik mit einfachen Worten erklären kann und trotzdem nicht verstanden wird. Damit bekommt er in erster Linie die Wählerstimmen derer, die nicht mal einen gültigen Stimmzettel abgeben können. Zudem fragt man sich, was von ihm übrig bleibt, wenn er vor lauter Kanzlerschaft seine Bäuerchen nicht mehr machen darf. Ein aufgeblasener Wichtigtuer, der immer schon wieder weg ist, bevor die anderen seine Anwesenheit bemerkt haben.
Das einzige Gute an der Nominierung Steinbrücks ist, dass wegen demnächst absoluter Mehrheit der CDU, die FDP auch nicht mehr gebraucht wird.

Martina

01.10.2012, 09:01 Uhr

ich will doch sehr hoffen, dass diese Flasche leer NICHT Kanzler(darsteller) wird. Dann würde es für "den kleinen Mann" noch viel schneller abwärts gehen als bei Mutti.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×