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06.04.2013

10:12 Uhr

Dutschke spricht

Die Macht Putins ist mehr Schein als Sein

VonMarek Dutschke

Wie vor jedem Deutschland-Besuch von Wladimir Putin empört sich die Öffentlichkeit über die Missachtung der Menschenrechte in Russland. Doch die wahren Probleme des riesigen Landes liegen woanders.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Dieses Wochenende ist der russische Präsident Wladimir Putin bei der Messe in Hannover zu Besuch. Wie bei jedem Besuch in Deutschland, empört sich die Öffentlichkeit im Vorfeld über die massiven Verstöße gegen Demokratie und Menschenrechte. Putin verteidigt stets seine Taten und beteuert, dass sein Land eine Demokratie sei.

Dieses Mal stehen Razzien bei deutschen Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen im Vordergrund. Da frage ich mich, ob sich der Kreml eigentlich alles erlauben kann. Doch dieses Bild eines unangefochtenen Führers eines mächtigen Landes trügt. Die Auseinandersetzung mit der russischen Opposition ist nur einen Nebenschauplatz. Russland hat riesengroße Probleme und der vermeintlich allmächtige Bärenbezwinger Putin hat keinerlei Ansätze, sie zu lösen. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Auswüchse des Alkoholkonsums, die demographische Entwicklung und der Entvölkerung Sibiriens den inneren Niedergang des Landes einläuten werden.

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Laut einer Studie des WHO stirbt jeder fünfte Bürger Russlands an den Folgen von Alkoholexzessen. Es wird geschätzt, dass über 50 Prozent der Todesfälle von Männern im Alter zwischen 15 bis 54 Jahre durch Alkoholkonsum zustande gekommen sind! Darüber hinaus neigen Menschen unter Einfluss von Alkohol viel stärker zu Gewalttaten und Selbstmord. Der Alkoholismus ist eine der zerstörerischsten Kräfte in der russischen Gesellschaft und einer der entscheidenden Gründe, weshalb russische Männer im Durchschnitt viel jünger sterben als in Deutschland.

Den Menschen macht das wenig Angst, verbinden sie doch laut Umfragen mit dem Alter nur noch Gesundheitsprobleme und krasse Armut und saufen sich deshalb lieber schon früher tot. Die Regierung Putin hat Ende letzten Jahres die Steuern auf Spirituosen um 30 Prozent erhöht, aber auch diese Maßnahme versprich wenig Erfolg, da gerade aus den illegal hergestellten Spirituosen die größten Gefahren ausgehen.

Die Probleme durch den Alkoholkonsum spielen natürlich eine Rolle bei der demographischen Entwicklung Russlands. Denn aufgrund der niedrigen Lebenserwartung fehlt es tatsächlich an fortpflanzungsfähigen Männern. Umfragen zeigen auch, dass viele russische Paare nicht an Kindern interessiert sind und sich lieber ihren Karrieren widmen. Die arbeitstätige Moskauerin kriegt schon jetzt nicht mehr oder weniger Kinder als die deutsche oder andere westeuropäische Frau. Da hilft auch das Muttergeld der Regierung wenig. Die Zahl der Sterbenden überwiegt die Zahl der Neugeborenen.

Darüber hinaus findet auch eine Veränderung in der ethnischen Zusammensetzung statt. Die höchsten Geburtenraten sind zumeist in der muslimischen Bevölkerung in Tatarstan und im Nordkaukasus zu verzeichnen. Dazu kommt eine immer größere Zahl an muslimischen Zuwanderern. Diese Veränderung in der Bevölkerungsstruktur hat – freundlich ausgedruckt – in diesen Regionen zu einem großen Integrationsproblem geführt, das sich zukünftig noch weiter zuspitzen wird.

Der Bevölkerungsschwund Russlands ist besonders für die weiten sibirischen Steppen dramatisch. Sibirien stellt drei Viertel der Fläche Russlands dar, aber es lebt nur ein Viertel der Bevölkerung dort. Ganze Landstriche sind komplett entvölkert. Viele Dörfer stehen vor dem endgültigen Aus. Dabei liegt in Sibirien das Ressourcenreichtum Russlands. Viel Holz, aber vor allem Öl und Gas werden dort gewonnen. Die Bemühungen der Regierung, Menschen dorthin zu locken kommen nicht in die Gänge.

Stattdessen wächst die Zahl der Chinesen, die sich dort niederlassen und ein Geschäft wittern. Die chinesischen Städte entlang der Grenze wachsen rasant, und der Handel mit russischen Ressourcen floriert. Inzwischen geht in Moskau die Angst um, dass China Teile Sibiriens schlucken könnte.

Zusätzlich zu den geschilderten Problemen ist auch die wirtschaftliche Abhängigkeit Russlands auf den Preis von Öl und Gas besorgniserregend. Ein Einbruch der Preise durch die Verbreitung der Fracking-Methode könnte dramatische Folgen haben. Die USA – so wird es prognostiziert – könnte damit komplett zum Selbstversorger werden. Andere Länder sicherlich auch. Russland steht vor großen Veränderungen und der starke Mann Russlands scheint völlig machtlos zu sein, Antworten auf die dringendsten Probleme zu finden.  

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

        

Kommentare (8)

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wolf52

06.04.2013, 10:29 Uhr

Aha, Russland geht unter und Putin bemerkt nichts. Böser, böser Putin, dumm ist er natürlich auch noch.
Wer ein genaueres Bild von Russland haben will, sollte sich auf die Seiten der GTAI begeben.

vandale

06.04.2013, 10:46 Uhr

Das ist der erste Kommentar von Dutschke der mehr analythisch und weniger von seiner links-ökologischen Ideologie beeinflusst ist.

Russland hat in der Tat, wie auch der Rest Europas, ein erhebliches Zukunftsproblem.

Geburtenmangel und muslimische Einwanderung sind das Langfristproblem Europas schlechthin. Der Sozialismus und die Oekoreligion mögen einer Gesellschaft kurzfristigen Schaden zufügen, allerdings lässt sich dies innerhalb von 1 - 2 Jahrzehnten korrigieren. Ein Geburtendefizit wirkt über Generationen.

Allerings vermisst man in der Analyse Lösungsansätze. Putin fördert die Kirche. Der christliche Glauben mit der arbeitsteiligen Familie, ist vermutlich eines der grössten gesellschaftlichen Erfolgrezepte. Allerdings scheint sich der Erfolg bislang in Grenzen zu halten.

Vandale

Gast

06.04.2013, 11:10 Uhr

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/04/06/putin-fuehrt-wdr-mann-schoenenborn-vor-wie-heissen-sie/

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