Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.11.2011

09:39 Uhr

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Am kommenden Mittwoch jährt sich der Fall der Mauer zum zweiundzwanzigsten Mal. Was wird geschehen?

Wie in jedem Jahr wird uns Wolfgang Thierse (unser bundesdeutscher „Ossibär“) sagen, dass die friedliche Revolution eine tolle Sache gewesen ist, und Gesine Lötzsch wird andeuten, dass nicht alles in der DDR schlecht war. Angela Merkel wird sich wie immer dezent zurück halten, und Klaus Wowereit wird irgendwo in Berlin eine Partymeile eröffnen. Natürlich werden auch alle offiziellen Redner nicht vergessen zu erwähnen, dass wir Deutschen an diesem Tag nicht nur an schöne Ereignisse erinnern. Eigentlich sollten wir ja gar nicht feiern. 

Bei solcher Festtagsmisere ist es kein Wunder, dass jüngere Menschen keinen Bezug zum Jahrhundertereignis Mauerfall haben. Im Ernst, mit den üblichen Festtagsprotagonisten ist kein junger Mensch zu begeistern, weder im Osten noch im Westen.

Der einzige Bezug, den die meisten Westdeutschen zur Wende haben, ist die Abbuchung des Solidaritätszuschlags von ihren Löhnen. Allein im vergangenen Jahr haben deutsche Haushalte wieder mehr als elf Milliarden Euro für die Kosten der Einheit dem Fiskus überwiesen.

Der neunte November muss nicht nur an Bedeutung gewinnen, er muss auch eine gesamtdeutsche Komponente bekommen außerhalb der reinen finanziellen Dimension. Denn, wenn wir ehrlich sind, ist bei den älteren Jahrgängen die typische „Wessi“-Perspektive stark vom Ärgernis über die Kosten geprägt und die „Ossi“-Perspektive mit Frust über die wirtschaftliche und soziale Abhängung ihrer Regionen verbunden. Die Hoffnungen auf beiden Seiten, dass überall blühende Landschaften entstehen, waren nicht mit der Wirklichkeit vereinbar. Und sie sind es bis heute nicht.

Die Zeit ist gekommen, eine neue Wende zu vollziehen. Die Deutungshoheit und Meinungsmache muss jetzt von jüngeren Generationen übernommen werden. Dieselbe Notwendigkeit war auch in der Debatte über die Achtundsechziger vor ein paar Jahren zu erkennen. 2008, im Jubiläumsjahr, haben der Politikwissenschaftler Gerd Langguth (1970 bis 1974 Bundesvorsitzender des RCDS)  und der Historiker Wolfgang Kraushaar (1974/75 Vorsitzender des AStA in Frankfurt), obwohl sie selbst Protagonisten von damals waren, sich selbst zum Richter der Studentenbewegung ernannt.

Einstige Akteure der revolutionären Bewegung sind eigentlich die falschen, um das Gedenken den jüngeren Generationen näher zu bringen. Sie können uns gerne erzählen, was damals passiert ist, aber sie sollen sich endlich abgewöhnen, uns zu erklären, welche Gefühle wir zu diesem Ereignis haben sollen.

Nach 22 Jahren Mauerfall gibt es nun auch viele neue Protagonisten, gerade im Osten. Für jüngere Generationen ist die Zeit in der DDR zwar nicht mehr großer Teil ihres Lebens gewesen. Die Zäsur von 1989 ist aber doch maßgeblich prägend für das Leben danach, mag es beruflich oder privat sein. Diesen Stimmen gehört der neunte November.

Es ist schon traurig, dass sich die Berliner Abendschau (die früher das Flagschiff des Senders Freies Berlin war) in diesem Jahr damit begnügt, jeden Abend zwei Karten für das Udo Lindenberg Einheitsmusical „Hinterm Horizont“ zu verlosen. Die Bilder aus Berlin vom 9. November 1989 sind bewegend und sogar herzzerreißend schön. Menschen aus Ost und West, mit gebleichten Jeansoveralls und Vokuhila, stehen auf der Mauer, liegen sich in den Armen und rufen „Wahnsinn“.

Diesem großartigen Jahrhundertereignis werden wir nicht gerecht, wenn Wolfgang Thierse, Gesine Lötzsch und Udo Lindenberg als die Zeremonienmeister den Ton angeben.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Zuletzt war Marek Dutschke an der Hertie School of Governance und am John F. Kennedy Institut der Freien Universität Berlin tätig.

 

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

S_Martin

05.11.2011, 22:39 Uhr

Ja, ich stimme zu. Aber was machen wir denn dann? Wie sieht denn die angedeutete Lösung aus?

JoStBerlin

06.11.2011, 15:47 Uhr

Guter Punkt, Herr Dutschke. Jetzt müssen die Kinder der Revolutionäre und auch der Nicht-Revolutionäre ran, neue Interpretationen der Vergangenheit zu erarbeiten. Die Dritte Generation Ostdeutschland wäre da schon mal ein Anfang (www.dritte-generation-ost.de). Sie haben es satt, dass der Diskurs über die Vergangenheit allein den Unrechtsstaat und die Ostalgie anzubieten hat. Außerdem ist die häufig wiederkehrde Abwiegelung "Ihr wart zu jung, mit euch hat die DDR nichts mehr zu tun." einfach falsch. Sie wirkt dermaßen nach, dass es fahrlässig wäre, das nicht anzuerkennen.

Account gelöscht!

08.11.2011, 16:59 Uhr

Schade, schade, schade, ich hab mich auf eine gut recherchierte Kolumne gefreut.
Vielleicht hat es Ihnen ja noch niemand gesagt, aber es ist nicht so, dass nur der gutverdienende "Wessi" den Solidaritätszuschlag - oder sollte man besser Abschlag sagen - berappen muss, sondern genau so der halbwegs gutverdienende "Ossi", und zwar schon so lange, wie es diese Abgabe gibt.
Also bitte, beim nächsten Mal ein bisschen gründlicher informieren, Herr Dutschke.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×