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19.01.2013

11:43 Uhr

Dutschke spricht

Es geht wieder los!

VonMarek Dutschke

Zum Rückrundenauftakt geht es in den Stadien nicht nur sportlich zur Sache. Die Bundesliga hat sich wirtschaftlich als eine der führenden Ligen etabliert – das umstrittene Sicherheitskonzept ist nun der nächste Schritt.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Die Winterpause der Bundesliga ist vorbei. Die Bayern haben kurz vor dem Rückrundenstart für eine große Überraschung gesorgt. Der begehrteste Fußballlehrer der Welt, Josep „Pep“ Guardiola, ist von den Bayern für geschätzte 17 Millionen Euro im Jahr angeworben worden. Damit unterstreichen die Bayern nicht nur ihren Platz als Primus in der Bundesliga, sondern bestätigen sehr deutlich, dass die Bundesliga zu einer der erfolgreichsten Fußballligen der Welt aufgestiegen ist.

In der UEFA-Fünfjahreswertung hat die Bundesliga die einst so erfolgreiche italienische Serie A längst als drittstärkste Kraft in Europa abgelöst. Die Fernsehgelder für die Bundesliga steigen stetig und die Stadien sind zumeist bis zum letzten Platz gefüllt. Die Bundesliga ist ein Milliardenunternehmen, dessen Marke immer mehr an Lukrativität gewinnt. Wie die Verpflichtung von Guardiola zeigt, hat die Bundesliga auch den Anspruch, auf Augenhöhe der zwei stärksten Ligen (England und Spanien) zu agieren. Dass die Bundesliga dies auch schafft, ist nicht auszuschließen, denn die Bundesliga hat im Vergleich zu den anderen Ligen den Vorteil, dass echter Wettbewerb vorhanden ist. Die Bayern genießen zwar eine finanzielle Sonderstellung in der Bundesliga, aber trotzdem sind darüber hinaus acht oder neun Vereine vorhanden, die um die vorderen Plätze mitspielen könnten. In England und Spanien sind streng genommen nur drei oder vier Vereine kompetitiv. In Deutschland hat die Wettbewerbsfähigkeit der Klubs zu einer finanziellen Stabilität geführt, die in Europa ihresgleichen sucht. Dort stehen viele Vereine vor der Insolvenz oder müssen von russischen/arabischen Milliardären subventioniert werden.

Die Verantwortlichen beim DFB und DFL wollen nun einen Schritt weiter gehen, um ihre finanziellen Erfolge auf Dauer zu sichern. Sie haben ein Sicherheitskonzept vorgestellt, um Randalierer, Pyrotechnik-Enthusiasten und Rassisten aus den Stadien zu verbannen. Die Absicht ist klar, die Stadien sollen für zahlungskräftige Familien attraktiver werden. Diese Familien werden nicht kommen, wenn besoffene und grölende Fans mit aggressiven und vulgären Parolen die Stadien dominieren und Bengalos zünden. Bei Auswärtsspielen der Hertha wird so laut und eindringlich „kniet nieder wenn die Hauptstadt kommt“ gesungen, dass einem angst und bange wird. Lokalderbys im Ruhrpott schaut man auch lieber im Fernsehen. Die Ligamanager kennen die Probleme und haben sicher auch die Lehren aus der katastrophalen Situation der italienischen Liga gezogen. Dort sind die Stadien weniger ausgelastet und komplett dominiert von aggressiven Fans, die auch nicht davor zurückschrecken, Fußballer auf dem Feld mit rassistischen Parolen zu beleidigen. Viele der Fans sind polizeibekannte Extremisten. Kein normaler Mensch möchte dort zwei Stunden in einem Stadion Zeit verbringen.

Ich kann mich noch gut an das legendäre Baseball-Stadion Fenway Park in Boston in den achtziger Jahren erinnern, wo es regelmäßig zu Handgemengen und Trinkgelagen gekommen ist. Dies ist schon lange nicht mehr der Fall. Billige Stehplätze wurden abgeschafft, die Ticketpreise sind massiv gestiegen und zusätzliche Sicherheitskräfte wurden eingestellt. Der Besuch im Fenway Park wurde zu einem exklusiven Event. Junge Männer waren nun nicht mehr im Stadion, um ihre Aggression auszuleben, sondern gingen mit der Freundin ins Stadion als Date. Die älteren Männer nahmen nun die gesamte Familie ins Stadion und gaben sehr viel Geld aus, um Fanartikel und Essen zu kaufen. Durch diese Entwicklung ist natürlich ein Stück Fan-Tradition verloren gegangen, aber der Umsatz hat gestimmt. Die Kritiker des Sicherheitskonzeptes in der Bundesliga argumentieren genau an diesem Punkt, um es abzulehnen und haben damit ihren Teil-Boykott der Spiele vor der Winterpause gerechtfertigt. Doch bald werden sie akzeptieren müssen, dass das Sicherheitskonzept langfristig für die Vereine ökonomisch Sinn macht.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

Kommentare (1)

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Gnomon

20.01.2013, 13:53 Uhr

Dem Artikel ist zuzustimmen!

Organisierte Fangruppen sorgen natürlich für die besondere Stimmung im Stadion, die auch einen Teil der Attraktivität der Bundesliga ausmacht. Dies berechtigt diese Gruppen jedoch keinesfalls zur Verwendung gefährlicher Pyro- oder Knallkörpertechnik, auch wenn diese stets beteuern, sie hätten diese bestens unter Kontrolle.
Sie haben recht, es sind hauptsächlich junge Männer, die sich in diesen Ultragruppen organisieren, um ihrem Privatleben einen Sinn zu verleihen. Unter dem politischen Deckmantel der antikapitalistischen Kommerzkritik lässt sich dennoch kein gemeingefährliches Verhalten rechtfertigen und man muss auch nicht abwarten bis der erste Fussballfan bei so einer Aktion schwer verletzt wird. Dort wo diesbezüglich keine Ordnung besteht, werden sich diejenigen versammeln, die diese ablehnen oder deren Abstinenz für Rassismus und Randale ausnutzen möchten. Die Hausrecht innehabenden Vereine sind hier in der Pflicht für die Sicherheit ihrer Zuschauer zu sorgen. Juristisch bestehen hier nämlich für enorme Haftungsrisiken für die Vereine, wenn sich Zuschauer so verhalten, dass andere verletzt werden. Dazu kann die einschlägige Rspr. eingesehen werden (Haftung des Vereins nach den Grundsätzen des Vertrags mit Schutzwirkung zugunsten Dritter). Dies dürfte das ökonomische Interesse der Vereine noch verstärken.

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