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01.06.2013

10:54 Uhr

Dutschke spricht

Friede den Hütten, Krieg den privaten Versicherungen

VonMarek Dutschke

Schwarz-Gelb will am Gesundheitssystem nicht viel ändern, Peer Steinbrück von der SPD sehr wohl. Mit dem Ziel, Privilegien für die Privatversicherten abzuschaffen, kann er im Wahlkampf punkten. Wenn er denn will.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Seit Monaten wundere ich mich, wann denn die Gesundheitspolitik endlich zum Wahlkampfthema wird. Hier ist ja unter Schwarz-Gelb trotz großem Handlungsdruck absolut nichts passiert. Die lächerliche Abschaffung der Praxisgebühr kann ich nicht ernsthaft zählen. Gerade unter der Prämisse der alternden Gesellschaft ist die Reform des Gesundheitssystems ein Thema von größter Dringlichkeit. Das jetzige System ist schon an seine Grenzen gelangt: Wer viel verdient, versichert sich privat. Der Rest bekommt immer weniger Leistungen. Die Krankenkasse machen abwechselnd Schlagzeilen, dass sie entweder kurz vor dem Bankrott stehen oder im Geld schwimmen. Das ist doch absurd! Nun endlich lieferte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery der Politik auf dem Ärztetag in Hannover eine Steilvorlage. Natürlich lehnt die oberste Ärztelobby die seit Jahren von der SPD geforderte Bürgerversicherung klar ab. Steinbrück sollte sich jetzt hier deutlich positionieren.

Schwarz-Gelb will am bestehenden System nicht viel ändern. Im Gegenteil, die privaten Zusatzleistungen sollen noch ausgebaut werden, um wenigstens ein paar Gutverdiener im System zu halten. Den Ärzten gefällt das natürlich. Sie verdienen am meisten mit Privatversicherten. Bei einem Sieg von Rot-Grün bei der Bundestagswahl würden diese gern gesehenen Patienten möglicherweise zum Auslaufmodell werden, und die Ärzte müssten mit erheblichen finanziellen Einbußen rechnen. Die meisten Ärzte sehen es nicht als problematisch an, die Privatversicherten zu privilegieren – schließlich zahlten sie ja auch mehr. Montgomery hat diese Haltung offensiv vertreten, als er beim Ärztetag sagte: “Unsere Ideologie ist Patientenversorgung und Qualität, nicht Umverteilung und Weltverbesserung.“

Natürlich geht es nicht um Weltverbesserung, sondern um Geld, wie überall. In Dänemark beispielsweise stehen die Ärzte auf den Barrikaden, weil sie unzufrieden mit den staatlichen Pauschalen sind. Sie drohen, ab September ihre Leistungen nicht mehr mit der gesetzlichen Krankenkasse abzurechnen, sondern direkt an die Patienten zu richten, um somit höhere Kosten abrechnen zu können. Diese müssten dann alles bezahlen und versuchen, wenigstens Teile des Geldes beim Staat zurückzufordern. Dies ist schlichtweg Erpressung, um mehr Geld beim dänischen Staat herauszuschlagen.

Kommentare (13)

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ColeWilliams

01.06.2013, 12:03 Uhr

Auch hier gilt wie bei den Steuergesetzen und allen anderen Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens: Gerechtigkeit hört spätestens dort auf, wo die Mechanismen um diese herzustellen beginnen undurchschaubar zu werden. Ich plädiere für eine Grundversorgung ohne durch falschverstandenes Gutmenschentum verursachte Fehlanreize für alle; auf Wunsch erweiterbar um privat zu bezahlende/versichernde Zusatzleistungen.

gynti

01.06.2013, 12:43 Uhr

Mal wieder wird ausgeblendet, dass es bei der privaten KV einen Zusammenhang gibt, zwischen gesundheitsbewusstem Verhalten und den Kosten. Ich will nicht eine 'Bürgerversicherung', wo ich die Folgekrankheiten meiner wurschtigen Mitbürger wie Diabetes, HIV, Lungenkrebs uvm. finanzieren muss. Ausserdem geht es rechnerisch garnicht auf, wenn man die 5% leistungsfähigen Privatversicherten plündert, hilft das den anderen 95% garnicht.

Account gelöscht!

01.06.2013, 13:28 Uhr

Ich bin dafür, dass man in einem ersten Schritt, wie in Schweden das am Ende jeden Monats netto bei jedem Arzt verbleibende Einkommen veröffentlicht. Dann hört die die diffuse Spekulation auf und jeder Patient kann zumindest selbst einschätzen, ob die erbrachte Gesundungsleistung das entsprechende Einkommen rechtfertigt. Immer im Ungefähren zu bleiben wird man das Problem nicht lösen können.

Eine andere Idee ist, einen Teil des Einkommens eines Kassen-Arztes (z.B. ein Dritte) von der Patientenzufriedenheit abhängig zu machen. Sollte heute via Internet ja kein Hexenwerk mehr sein. Im Gegenzug sollte man die "Mangelverwatungs- Überwachungsbürokratie" in den Praxen deutlich reduzieren und ein einheitliches und angemessenes Vergütungssystem einführen, um die demotivierenden Unterschiede in der Vergütung von Privat- und Kassenpatienten abzuschaffen.

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