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06.10.2012

11:36 Uhr

Dutschke spricht

Großeltern in die Pflicht – auch ohne Frau Schröder

VonMarek Dutschke

Nach Elterngeld und Kinderbetreuungs-Anspruch sollen nun auch Oma und Opa beim Hüten des Nachwuchses helfen. Doch mit dem Vorschlag will das Familienministerium im Grunde nur vom akuten Kitanotstand ablenken.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Jetzt kommt also die Großelternzeit. Nachdem bislang unklar ist, ob die Einführung des Elterngelds wirklich zu mehr Geburten geführt hat und der abstruse Rechtsanspruch auf eine Kinderbetreuung im nächsten Jahr tatsächlich kommt, liegt nun also der nächste grandiose Vorschlag von Familienministerin Kristina Schröder vor. Großeltern wurden als einfache und billige Lösung des Kinderbetreuungsproblems identifiziert.

Welches kleine Kind verbringt nicht gerne Zeit mit Oma und Opa? Bei uns ist das die Zeit der Schokomuffins, Puddings, endlosen Spielplatzbesuchen und Musizieren mit der Wandergitarre. Was für ein unermüdlicher Einsatz zur Belustigung der Enkel. Was für eine Energie und Freude! Und das Beste: Die Großeltern müssen dazu gar nicht erst überredet oder gebeten werden – meist bieten sie sich von selbst an. Und es kostet nichts (fast nichts, denn ich habe noch nie so viel Zeit mit meinen Schwiegereltern verbracht wie seit der Geburt meiner Kinder). Was für eine Idylle.

Die rüstigen Herrschaften sollen eine Auszeit vom Beruf nehmen dürfen, um sich ganz und gar den Enkeln zu widmen. Das klingt gut. Aber es hat auch einen Haken. Die Auszeit soll nicht – analog zum Elterngeld – bezahlt werden. Frau Schröder geht also davon aus, dass das Angesparte als Überbrückung reicht und auch, dass eine längere Auszeit im Beruf verkraftbar ist.

Von welcher Zielgruppe reden wir denn eigentlich konkret? Da Frauen immer später Kinder kriegen, sind auch deren Eltern immer älter, wenn es passiert. Vielleicht Ende Fünfzig, Anfang Sechzig. Dann sind die frischgebackenen Großeltern entweder an den wichtigsten Positionen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft (in Vorständen, Ministerien, als Ärzte, Anwälte und Architekten) oder sie fiebern schon der Rente entgegen und rechnen scharf, wie lange sie noch arbeiten müssen. In beiden Fällen ist die Auszeit unattraktiv, entweder weil es ohne sie nicht geht, oder weil das Geld für die Rente benötigt wird. Bei vielen Akademikereltern sind die Großeltern schon längst Rentner und damit sowieso verfügbar.

Ich glaube, dass Frau Schröders Vorschlag nur symbolisch gemeint ist. Er klingt gut. Und scheint die sowieso schon wichtige Rolle der Großeltern endlich offiziell aufzuwerten. Aber in der Realität werden es weiterhin die Rentner unter den Omas und Opas sein, die sich um die Kleinen kümmern. Also viel Lärm um nichts?

Die Großelternaktion und auch die schön gestalteten Werbeplakate für die Arbeit als Tagesmutter sind Verzweiflungstaten des Ministeriums, um vom akuten Kitanotstand abzulenken. Beide Maßnahmen werden im positivsten Fall einen Tropfen auf den heißen Stein sein. Das Grundproblem ist nach wie vor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Kitas sind rar, Erzieher verdienen erschreckend wenig und sollen Wunder bewirken, Arbeitgeber ignorieren Bedürfnisse von Eltern. Jeder Kampf um flexible Arbeitszeiten bei verantwortungsvollen Tätigkeiten ist ein einsamer Kampf.

Die entscheidenden Jahre für die berufliche Entwicklung sind die Jahre zwischen 30 und 40. Parallel passieren zuhause andere entscheidende Dinge: das erste Lächeln, der erste Zahn, die erste Beule. Wer all das in vollen Zügen erleben will, braucht starke Nerven und viel Unterstützung. Großeltern vor Ort sind dabei einfach ein Glück und keine politische Maßnahme.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist in Elternzeit und lebt in Berlin.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

06.10.2012, 14:42 Uhr

Ich persönlich bin ebenfalls kein Anhänger des Elterngeldes. Betreuungsgeld eingeschlossen. An Elterngeld hätte ich nun maximalen Anspruch auf 1800,- Euro netto. Leider war ich früher in der Schule fleißig, habe gelernt und verdiene nun wesentlich mehr, als diese Brosamen, die da einem hingeworfen werden. Wenn ich 3 Monate Auszeit genommen hätte, da meine Frau nun ihre Ausbildung begonnen hat, würde mich der Spaß mtl. 2200,- aus der eigenen Schatulle kosten. Abgelehnt! Ich hätte es begrüsst, wenn die Betreuungszeiten in den Kitas massivst ausgeweitet worden wären. Und zwar rund um die Uhr. Ich wäre als Besserverdienender nur zu gerne bereit, die entsprechenden höheren Beiträge auch zu bezahlen! Wenn beide Eltern im Schichtdienst tätig sind, könnte man beruhigt zur Arbeit fahren. Wetten dass die Krankenquote bei den Eltern auch in den Betrieben, Verwaltungen drastisch sinken würden? Aber hier wurden so tolle Gestze geschaffen, wie das Landesgleichungsgesetz, in dem man so schön von Vereinbartkeit von Familie und Beruf faselt! Verarsche! Der "Soli" gehört abgeschafft. Diese Gelder könnte man in den Kitabereich umlenken.
Grundsätzlich reagiere ich allergisch, wenn ich die Buchstaben "DDR" sehe oder höre. Aber hier wurden die Gelder sinnvoll investiert. Herr Dutschke, ein sehr guter Beitrag! 1 mit Sternchen!

wozu

06.10.2012, 17:05 Uhr

@gutmenschsucks

wozu brauchen sie denn eine Kita? Sie können doch auch ein Kindermädchen, Tagesmutter oder Aupair beschäftigen statt eine Kita zu bezahlen. Ich versteh ihr Problem nicht. Wenn sie ihre Blage 24 h abgeben oder betreut haben wollen, dann können sie das auch jetzt schon.

und zu ihrem Genörgel: nur mal so zur Info: Studentinnnen und vielen anderen hat man das Elterngeld gekürzt. Wer sich in jungen Jahren im Studium dafür entscheiden würde, bekam vorher 2 Jahre lang 300 Euro Erziehungsgeld und erhält damit jetzt weniger Geld.

von mir aus kann der Staat seine läppischen Kröten auch behalten. Die zieht der einen aus der rechten Tasche eh wieder heraus -- Linke Tasche, Rechte Tasche. Von daher ist das Elterngeld auch nur eine typische Subventionsmogelpackung.

würde sie die DDR wirklich stören, würden sie die Annahme des Geldes verweigern. Kannst ja spenden.

Account gelöscht!

07.10.2012, 12:05 Uhr

"Das Grundproblem ist nach wie vor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie."

Eines der großen Ausflüße der sozialen Entfremdung, Vereinzelung, "Selbstverwirklichung", Neidgesellschaft oder wie man das alles nennen will. Angefangen hat es mit einer "Strukturreform", die kleine Einheiten in große zusammenfaßt und schon kleine Kinder hin- und her gekarrt werden müssen. Kaputte soziale Strukturen wurden geschaffen/ermöglicht, die kleinen Kindergärten und Zwergschulen zugunsten einer Bildungsindustrie verschachert. Einrichtungen die für eine soziale Gemeinschaft immens wichtig sind, und in derer auch der Zusammenhalt der Familien und Freunde gedeihen, gibt es kaum noch.
Jeder sitzt mit einem Kind in einem Kaninchenstall und will möglichst für seine Anschaffung Kind auch noch eine gute "Rendite".
Das in dieser sozialen Kälte Kinder durchs Raster fallen, dürften eigentlich niemanden wundern. Das wird sich auch nicht dadurch ändern, das plötzlich Großeltern als "Spaßfaktor" auch noch für ihre Liebesdienste an der Familie bezahlt werden sollen, mit was auch immer.
Diese Familienministerin ist ein Kind genau dieser Sozialisierung.
Kein Wunder das in dieser Welt niemand mehr Nachkommen "züchten" möchte.

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