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03.12.2011

07:56 Uhr

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Rudi-Marek Dutschke – Dutschke spricht. Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke.

Ende Oktober hat Gallup-Healthways Well-Being Index eine Studie veröffentlicht, aus der hervorging, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung entweder übergewichtig ist oder sogar unter Fettleibigkeit leidet.

Ja, die Deutschen werden immer dicker. Das ist zwar keine große Überraschung, aber erstaunlich ist doch, dass diese Entwicklung Hand in Hand mit der wachsenden Schere zwischen arm und reich voran schreitet. In den Daten liest man, dass die ärmsten Deutschen (Einkommen bis 1.400 Euro monatliches brutto) die dicksten sind. Unvorstellbare 21 Prozent dieser Gruppe sind sogar krankhaft dick. Je mehr eine Person im Monat verdient, desto unwahrscheinlicher ist ihr Risiko, krankhaft dick zu werden. Bei den Einkommen bis 2.750 Euro sind es nur noch 14 Prozent, bis 5.450 Euro zwölf Prozent und Einkommen darüber sogar weniger als zehn Prozent. Die armen Dicken leiden oft unter schlechter Durchblutung, hohem Blutdruck, Diabetes und haben ein stark erhöhtes Schlaganfallrisiko. Auf die ganze Bevölkerung gerechnet macht diese Gruppe 13,7 Prozent aus.

Die Zeiten, in denen Gicht die „Krankheit der Könige“ war, sind lange vorbei. Billiges Fleisch ist überall und jederzeit verfügbar. Eine 500 Gramm Hackfleisch Packung von Lidl, eine Currywurst oder ein Döner kosten meistens zwischen zwei bis drei Euro oder noch weniger. Die Schwächsten in unserer Gesellschaft lassen sich aus Frust zu Tode mästen, und eine politische Antwort darauf gibt es nicht. Der Kampf gegen die fetten Kinder, den Renate Künast vor knapp 10 Jahren ausgerufen hat, hat zwar zu vielen Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen geführt, aber nicht zu einer Besserung der Situation. Das von Thilo Sarrazin entwickelte Hartz IV-Menü kann man bloß als schlechten Scherz verstehen.

Noch ist die Lage in Deutschland nicht so schlimm wie in den USA. In den USA ist über ein Viertel der Bevölkerung fettleibig. Die Lage ist bedrohlich. Die Kosten, die dadurch für das Gesundheitssystem entstehen, sind kaum zu bezahlen. Und trotzdem haben Lobbyisten der Agrarindustrie es geschafft zu verhindern, dass z. B. die Essensausgabe an staatlichen Schulen reguliert wird. Ich selbst war von 1995-1999 auf einer High School in einem relativ gut situierten Vorort in Massachusetts und kann mich gut erinnern, dass es in der Schulkantine jeden Tag die Möglichkeit gab, Chicken Nuggets, Pommes oder Pizza zu kaufen. Das Fett tropfte nur so runter auf meinen Teller. Das universelle Schönheitsideal ist zwar nach wie vor der schlanke und gesunde Mensch, aber in den USA gibt es inzwischen auch eine sehr erfolgreiche Sitcom (Mike and Molly), in der das Leben zweier Fettleibiger sympathisch verklärt und romantisiert wird. Die weiße Fahne ist gehisst.

Kommen jetzt amerikanische Verhältnisse auf uns zu? Was gibt es für Lösungen? Versuche wie in Dänemark, eine Steuer auf ungesunde Produkte zu erheben führt ja nicht dazu, dass die Dicken plötzlich gesundheitsbewusster einkaufen, sondern nur dazu, dass sie mehr Geld dafür ausgeben. Teure und hochwertige Lebensmittel werden für arme Menschen nicht attraktiver, nur weil sie ein paar mehr Cents für ihre Chips ausgeben müssen. Darüber hinaus, haben die großen Nahrungsmittel Konzerne wie Nestle oder Kraft Foods auch in Deutschland eine starke Lobby, wie der Kampf um die Lebensmittelkennzeichnungen gezeigt hat. Am schärfsten trifft das Problem unsere Kinder. Die Lebensmittellobby hat sie längst als lukrative Zielgruppe entdeckt und versucht mit allen Mitteln, bunte und süße Ware an sie zu verkaufen – meist leider auch sehr billig.

Die Armen werden ärmer und dicker, während das Bildungsbürgertum beschämt wegschaut. Sie denken, dass sie die moralische Hoheit besitzen, weil sie sich Bio- und Fair Trade Produkte leisten können und dreimal in der Woche im Fitnessstudio schwitzen. Wer soll sich für die Interessen der wachsenden Gruppe der Fettleibigen einsetzen? Der Gesundheitsminister hat bislang nicht Stellung bezogen. Mehr Aufklärung über Inhaltsstoffe in Lebensmitteln ist dringend notwendig.

Marek Dutschke, geboren 1980, ist der Sohn von Rudi Dutschke, Wortführer der Studentenbewegung in den 60er-Jahren. Er ist an der Hertie School of Governance beschäftigt und lebt in Berlin.

Kommentare (11)

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Logo23

03.12.2011, 08:47 Uhr

Wieso ? Sie haben die Lösung doch schon erkannt: Zunehmender Alkoholkonsum und zunehmende Fehl- und Überernährung korrelieren mit zunehmender Armut. Ihr Vater würde vielleicht sagen: schafft die Armut ab. Macht kaputt, was Euch kaputt macht ! Vielleicht muss man auch nur anders wählen ?

Peterle

03.12.2011, 11:14 Uhr

Richtig: macht kaputt, was euch kaputt macht ! Die Macht von Coca-Cola z.B. müsste gebrochen werden, wie dies in Frankreich schon vorgesehen ist, durch eine Zusatzsteuer.
Dieses Zuckerwasser ist so süss, dass der Konsument regel-
recht süchtig danach wird. Aber, wohin ich auch schaue, überall stehen die Automaten dieser Firma, und viele Gaststätten führen nichts mehr anderes. Apfelsaft von anderen Herstellern: häufig Fehlanzeige. Immer wieder und überall nur Cola, Fanta, Sprite. Coca-Cola dominiert
in allen (Schwellen-)Ländern. Es fehlt aber auch an der Aufklärung schon in den Schulen. Aber da es nichts mit Bildung zu tun hat, interessiert es unsere göttähnlichen Kultusminister einen Dreck !

pessimist

03.12.2011, 11:23 Uhr

der artikel ist lächerlich und ihrer zeitung unwürdig in der begründung, daß reiche durch bio produkte und 3maligem schwitzen im fitness studio kein übergewicht ansetzen. das jogging um den block oder sonstwo kostet nicht viel geld. nein es geht wie immer um selbstdisziplin, eigene organisation und ein bißchen willen.

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