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17.05.2014

11:42 Uhr

Eventisierung

Fußball – der letzte Zuschauermagnet

VonMichael Steinbrecher

Mehr als zehn Millionen Zuschauer werden das Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund verfolgen. „Wetten, dass...?“ stirbt, der Fußball ist das letzte Lagerfeuer, um das sich alle versammeln. Das war so nicht absehbar.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Michael Steinbrecher ist Journalistik-Professor und moderierte viele Jahre das ZDF-Sportstudio.

Ob Lewandowski gegen seinen kommenden Club seinen vorerst letzten Titel mit Borussia Dortmund holt? Ob Guardiola mit dem Double einen versöhnlichen Saisonabschluss feiert? Mit diesen Fragen beschäftigt sich fast jeder Fußballfan oder Fußballinteressierte. Also fast jeder Bürger Deutschlands.

Einen Tag vor dem großen Duell der beiden derzeit besten deutschen Mannschaften tagten Politik-und Kommunikations-Wissenschaftler an der Sporthochschule Köln, um über den Fußball des Jahres 2014, seine Bedeutung für die Gesellschaft und die Medien zu debattieren. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Fußball boomt in einem fast unvorstellbaren Maße. Die Fifa wird reicher und reicher und entwickelt sich, angetrieben von der steigenden Zahl ihrer Mitgliedverbände, immer weiter zur Kommerzialisierungsmaschine. Das ZDF feiert großartige Quoten in der Champions-League. Spätestens seit 2006 kann sich kaum jemand in Deutschland einem Großereignis wie der Fußball-Weltmeisterschaft entziehen. Für Brasilien werden neue Einschalt-Rekorde erwartet. Ein Fußball-Großereignis bringt die Stärken des Fernsehens hervor: Die Kraft der Bilder, die Unmittelbarkeit und das Gefühl, live an einem Ereignis teilnehmen zu können.

Aber ist das etwas Neues? War Fußball nicht immer schon der Deutschen „liebstes Kind“? Nein, nicht in diesem Maße. Vor 30 Jahren waren die Zuschauerzahlen aus heutiger Sicht miserabel. Am letzten Spieltag der Saison 83/84 kamen zum Derby Köln gegen Leverkusen gerade einmal 11.000 Zuschauer. Das Spiel des schon als Absteiger feststehenden 1.FC Nürnberg gegen Borussia Dortmund wollten nur 5000 Fans im Stadion erleben. Sechs von neun Spielen hatten weniger als 20.000 Besucher. Gab es einen sportlichen Grund für die miesen Zuschauerzahlen? Nicht wirklich. Die Nationalmannschaft war zu dieser Zeit Vize-Weltmeister. Der Bundesligaskandal lag mehr als zehn Jahre zurück. Halbvolle Stadien gehörten damals einfach zum Alltag. Etwas, das viele verdrängen, wenn sie diese Zeit fußball-romantisch verklären.

Was hat zum heutigen Boom geführt? Im Stadion gab es in den 80ern noch Bratwurst und sonst nichts. Aber reichen die modernen, familienfreundlichen Arenen mit ihrem Rundum-Service als Erklärung für den Boom? Es sind viele einzelne Entwicklungen, die den Fußball in Deutschland so populär und relevant gemacht haben. 

Fußballer waren vor 30 Jahren weit davon entfernt, modische Trendsetter zu sein. Die Standard-Frisur war „Vokuhila“. Eine Stil-Ikone wie Beckham war noch nicht in Sicht. Messi und vor allem Ronaldo sind heute internationale Popstars. 2006 entstand mit Lahm, Podolski, Schweinsteiger und Odonkor die erste Boygroup der deutschen Nationalmannschaft. Der Marktwert von Fußballern ist rasant gestiegen. Hinzu kommt die explodierende TV-Berichterstattung, die mit dem dualen System einsetzte. Der Fußball ist medial so präsent wie nie.

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