Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2010

14:19 Uhr

EZB

Heiß umkämpfte Hackordnung

VonPierre Briançon

Die Deutschen haben sich bisher im politischen Spiel um den Spitzenposten der Europäischen Zentralbank gut geschlagen. Wenn der Portugiese Vitor Constancio im kommenden Monat zum Vize-Präsident der EZB nominiert wird, dann avanciert Bundesbankchef Axel Weber zum Favoriten für die Nachfolge von Jean-Claude Trichet im Jahr 2011. Ein französischer Falke würde von einem deutschen abgelöst werden.

Die erste Runde geht an Deutschland. In einem Kuhhandel, der schon zur EU-Tradition gehört, scheinen die cleveren Manöver der Regierung in Berlin zu einem festen Zugriff auf das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) geführt zu haben. Jean-Claude Trichet, der französische Amtsinhaber, wird sich Ende 2011 in den Ruhestand verabschieden. Bundesbank-Präsident Axel Weber ist jetzt in einer exzellenten Ausgangslage, um seine Nachfolge anzutreten - zumindest, wenn der Portugiese Vitor Constancio im kommenden Monat zum Vizepräsident der EZB ernannt wird.

Gemäß einem ungeschriebenen Gesetz der EZB muss die Zusammensetzung ihrer Verwaltungsorgane ein Gleichgewicht zwischen den Inflations"falken" - die ganz besonders auf die ursprüngliche Mission der EZB fixiert sind, die Teuerung zu bekämpfen - und den "Tauben" herstellen, die eher dazu tendieren, anderen Indikatoren der wirtschaftlichen Entwicklung ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Unterteilung entspricht teils der Realität, teils ist sie Karikatur. Im richtigen Leben werden die Auseinandersetzungen gewöhnlich subtiler geführt. Aber eine weitere inoffizielle Richtlinie besagt, dass auch geografische Belange berücksichtigt werden müssen, so dass zwischen großen und kleinen Ländern und dem Norden und dem Süden austariert werden kann.

Und in dieser Hinsicht kommt der Nominierung des Vize-Präsidenten der EZB - auf die sich die Regierungen der Eurozone im kommenden Monat einigen werden - eine entscheidende Bedeutung zu. Deutschland hatte zunächst angedeutet, sich hinter Yves Mersch, den derzeitigen Zentralbankchef von Luxemburg, der im Ruf steht ein Falke zu sein, stellen zu wollen. Damit schien Frankreich dazu gedrängt zu werden, den portugiesischen Kandidaten Constacio, der als Taube erachtet wird, zu unterstützen.

Doch das ist genau das, was die deutsche Regierung anscheinend von Anfang an gewollt hatte. Der einzige ernst zu nehmende Konkurrent Webers für das Amt des EZB-Präsidenten ist Mario Draghi, der momentan als Gouverneur der italienischen Notenbank fungiert, und den die eher den Falken zugeneigten Länder als wachsweich empfinden. Wenn mit Constancio eine Taube aus dem Süden den Posten des Vizepräsidenten ausfüllen würde, hätte eine Ernennung von Draghi nur äußerst geringe Aussichten auf Erfolg.

Abgesehen von all diesen taktischen Manövern scheint sich eines bei der EZB nicht zu ändern. Als Präsident der Bank hatte Trichet eine der striktesten geldpolitischen Vorgehensweisen in den Industrieländern verfolgt - selbst durch die Krise hindurch - und er ist deswegen scharf kritisiert worden. Die wahrscheinliche Ernennung von Weber bedeutet, dass die Falken unangefochten die Kontrolle behalten, ob sie auf die Tauben hören oder nicht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×