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14.01.2010

15:41 Uhr

Faktor Mensch

Die ISO 26 000 – oder wie wir alle sozialer und grüner werden

VonTanja Kewes

Die künftige Norm ersetzt kein eigenes Urteil. Aber sie liefert Argumente und zeigt eine Richtung an.

Der Ausdruck an und für sich ist eine Katastrophe: "Corporate Social Responsibility". Er wird zu CSR abgekürzt und bedeutet so viel wie: Jeder Einzelne und jede Institution sollen sich so verhalten, dass es gesellschaftlich nachhaltig verantwortlich ist. Der Ansatz ist nicht wirklich neu, schon Immanuel Kant sagte: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte!" - aber gut.

Diese Worthülse soll jetzt (endlich) gefüllt werden. Mit der ISO 26 000 soll definiert werden, was verantwortliches Handeln bedeutet und wie dieses in einer Organisation umgesetzt werden kann. Dabei dienen Regelwerke wie die Menschenrechte der Uno und die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) als Vorlage.

ISO 26 000 toppt zwar sprachlich noch den Ausdruck CSR und ist auch sonst nicht einfach abzunicken. So wäre etwa grundsätzlich die Frage zu diskutieren, ob eine ISO-Norm ethische und moralische Werte überhaupt festlegen sollte. Und ob der Aufwand - seit 2002 haben rund 400 Experten aus über 80 Ländern daran gearbeitet - gerechtfertigt ist. Aus dem 90 Seiten starken Entwurf wird zudem - wenn er überhaupt dieses Jahr noch wie geplant durchgeht - ein recht zahnloser Papiertiger. Denn es gibt kein Zertifikat, nur eine Empfehlung.

Dennoch: Ich bin für die ISO 26 000. Denn damit werden erstmals international allen Beteiligten konkrete Argumente an die Hand gegeben. Diese ISO bestimmt nicht den Lauf der Welt, aber sie zeigt eine Richtung an.

Und danach sehnen sich viele Menschen. Sie fragen sich: "Handelt das Unternehmen, bei dem ich arbeite einkaufe, gesellschaftlich verantwortlich?" Beschäftigt also keine Kinder, verschmutzt nicht die Umwelt, diskriminiert keine Minderheiten, achtet Arbeitsrechte. Die gestiegene Sensibilität zeigt sich nicht nur bei der jungen Generation und seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise, die den Glauben an die internationale Wirtschaftsordnung erschüttert hat. Skandale wie die "unechte Zeitarbeit" bei Schlecker oder die neuen Ganz-unten- und Schwarz-Weiß-Geschichten von Altmeister Günter Wallraff beschäftigen die Republik.

Die ISO stellt klar: Gesellschaftlich verantwortliches Verhalten hat mit dem Kerngeschäft zu tun und ist nicht etwa mit philanthropischen Aktivitäten zu verwechseln. Eine private Kunstsammlung zu pflegen oder Charity-Lady zu sein ist etwas anderes als CSR. Die Verantwortung endet auch nicht am Werkstor. Einfach alle unliebsamen Arbeiten auszulagern, wie es Modekonzerne tun, und dann die Hände heben und sagen "Sorry, aber die können wir gar nicht alle kontrollieren" geht nicht. Die ISO 26 000 ist zudem umfassend. Die Bereiche Umwelt, Menschen- und Arbeitnehmerrechte und gemeinschaftliches Engagement stehen ebenbürtig nebeneinander.

Die ISO 26 000 verspricht eine Norm zu werden so schrecklich-schön wie die Realität. Seine Weste kann sich damit niemand weiß waschen, ebenso wenig, wie es einen perfekten Menschen gibt. Das eigene Urteil ist durch eine Norm nicht zu ersetzen. Nicht nur Journalisten sollten sagen: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gebastelt hast, traue keinem Zitat, das du nicht selbst aus dem Zusammenhang gerissen hast und - jetzt neu: Traue keiner Norm, an der du nicht selbst mitgearbeitet hast.

Doch immerhin: Die ISO 26000 ist selbst nachhaltig. So technisch und unmenschlich der Name auch erst klingt, er droht von der Zeit nicht eingeholt zu werden - wie jüngst die Agenda 2010.

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