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28.11.2011

18:18 Uhr

Florian Kolf - Was vom Tage bleibt

Glück und Elend an den Märkten

VonFlorian Kolf

Als lebten sie auf getrennten Planeten: Die Börse boomt, Staatsanleihen floppen. Dabei werden sie von den gleichen Nachrichten bewegt. Und da gab es Überraschungen.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

der Tag an den Märkten war heute wieder ein perfektes Beispiel dafür, wie nah himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt bei einander liegen können. Man hätte fast denken können, dass der Aktienmarkt und der Anleihemarkt auf verschiedenen Planeten liegen.

"Tag der Staatsanleihen" wird zum Desaster

Die italienische Regierung hatte den heutigen Tag extra zum "Tag der Staatsanleihen" ausgerufen. Eine patriotische Kampagne, unterstützt von Banken und vom Fußballverband, hatte private Sparer zum Kauf von Staatsanleihen aufgerufen. Doch das Ergebnis war ernüchternd. Insgesamt brachte die vergleichsweise kleine Auktion dem italienischen Staat 567 Millionen Euro ein. Geplant war eine Kreditaufnahme bis zu 750 Millionen Euro. Besonders beunruhigen ist der Zinssatz: 7,3 Prozent muss der Staat den Anlegern zahlen - ein Niveau, das auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Wahrscheinlich hätte der Staat sich andere Partner suchen sollen: Die von der Finanzkrise böse erwischten Banken und die hochverschuldeten italienischen Fußballclubs waren wohl doch nicht der beste Leumund.

Aktienmarkt erfasst die Euphorie

Mehr Vertrauen herrschte heute am Aktienmarkt. Der Deutsche Aktienindex machte geradezu einen Sprung von 4,6 Prozent nach oben. So ganz genau erklären konnten sich viele Händler die Euphorie auch nicht. Von der "vagen Hoffnung, dass die Eurozone im Laufe der Woche Fortschritte erzielen wird" war zu hören und vom gut angelaufenen Weihnachtsgeschäft in den USA. Aber wahrscheinlich waren Anleger einfach das Verkaufen leid, nachdem der Dax vorher fast zwei Wochen am Stück abgestürzt war. Im Fachchinesisch heißt das dann eine "kräftige Gegenbewegung im zuletzt technisch überverkauften Marktumfeld".

Auch Solidarität hat Grenzen

Zur Hoffnung auf Besserung in der Euro-Zone hat auch ein neues Zauberwort beigetragen. Nach Euro-Bonds und Stabilitätsbonds soll es jetzt vielleicht sogenannte Elite-Bonds geben. Was so edel klingt, bedeutet schlicht, dass die Länder, die noch gute Bonität genießen, gemeinsame Anleihen herausgeben und die Länder, die wegen hoher Schulden an den Märkten durchgefallen sind, im Regen stehen lassen. Deswegen hat sich das deutsche Finanzministerium auch beeilt, diese Meldungen offiziell zu dementieren. Doch wenn es hart auf hart kommt, werden sich die noch zahlungskräftigen Länder schon irgendwann überlegen müssen, wie lang die Solidarität in der Euro-Zone noch finanziell durchzuhalten ist.

MAN wird ungeliebte Tochter los

Bereits Ballast abgeworfen hat MAN. Der Lastwagenbauer hat seine ungeliebte Ex-Tochter Ferrostaal, an der er noch 30 Prozent hielt, komplett zurückgekauft und anschließen komplett weiterverkauft an einen Finanzinvestor. Vor zwei Jahren hatte MAN 70 Prozent des Essener Großanlagenbauers an den arabischen Staatsfonds IPIC verkauft. Nachdem aber im vergangenen Jahr massive Korruptionsvorwürfe gegen Ferrostaal offenkundig geworden waren, drängten die Araber auf Kaufpreisminderung oder Rückkauf. Nun ist das Problem gelöst - und Ferdinand Piech glücklich. Von allen aktienrechtlichen Unsicherheiten befreit, kann der Aufsichtsratschef des MAN-Eigners VW nun seinen großen Traum verwirklichen: MAN mit dem Konkurrenten Scania zum weltweit führenden LKW-Konzern verschmelzen.

Kampf der Dickschädel in Stuttgart

Manchmal gehen aber die Probleme erst richtig los, wenn man denkt, sie gelöst zu haben. So müsste jetzt ja nach dem Volksentscheid zu Stuttgart 21 eigentlich alles klar sein: Mit fast 59 Prozent haben sich die Befürworter durchgesetzt, der neue Bahnhof wird gebaut. Doch der Teufel steckt ganz wesentlichen Details: Schon jetzt ist klar, dass der angesetzte Kostenrahmen von 4,5 Milliarden Euro weit überschritten werden wird. Und nun wandelt sich die grüne Regierungspartei vom Kämpfer gegen den neuen Bahnhof zum Kämpfer gegen höhere Kosten für das Land. Der Kampf der Dickschädel wird spannend: der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann gegen Bahn-Chef Rüdiger Grube.

Was fehlt? In einer der unappetitlichsten politischen Affären des Jahres gibt es neue brisante Gerüchte. Angeblich soll der Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn Opfer eines gezielten politischen Komplotts geworden sein. Doch auch diese neuen Spekulationen werden die Reputation des notorischen Schürzenjägers nicht mehr retten. Es ist wie bei der Euro-Krise: Die Glaubwürdigkeit ist in kürzester Zeit ruiniert. Vertrauen wieder aufzubauen schafft man nur in Jahren. Wenn überhaupt.

Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Feierabend,

Florian Kolf

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Kommentare (1)

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MCM

28.11.2011, 19:07 Uhr

7,3% ist etwa die Hälfte dessen, was Italien vor der Einheitswährung an Zinsen zahlen musste. So betrachtet, ist es nicht viel. Aus meiner Sicht ist der richtige Vergleichsmaßstab die Zeit bevor der ganze Markt das Konvergenz-Spiel entdeckt hat, also Anfang der 90er ungefähr. Die Italiener jammern auf niedrigem Niveau! MM

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