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21.11.2011

17:55 Uhr

Florian Kolf - Was vom Tage bleibt

Kleist, die Krise und Herr Mappus...

VonFlorian Kolf

Was Heinrich von Kleist zur Schuldenkrise gesagt hätte, warum die Euro-Zone ein Imageproblem bekommt und wie Herr Mappus die Wirklichkeit schönredet.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Einen wunderschönen guten Abend,

Künstler und Literaturfreunde gedachten heute eines berühmten Freitods. Vor genau 200 Jahren nahm sich der Dichter Heinrich von Kleist am Berliner Wannsee das Leben. Kleist teilte das Schicksal von vielen Genies: Zeit seines Lebens war ihm die volle Anerkennung und Wertschätzung versagt. Dabei sind viele Gedanken des Dichters heute noch aktuell. So hätte Kleist wohl auch erklären können, warum Angela Merkel und Nicolas Sarkozy trotz aller Versuche der Annäherung nicht wirklich warm mit einander werden. In einem Brief an Louise von Zenge schrieb der Dichter im Jahr 1801: "Der Deutsche spricht mit Verstand, der Franzose mit Witz."

Ärger für die Franzosen

Den Franzosen dürfte aber mittlerweile der Humor verloren gegangen sein. Die Ratingagentur Moody's hat Frankreich heute vor einer Herabstufung von dessen Spitzen-Bonitätsnote „AAA“ gewarnt. Sollten die erhöhten Finanzierungskosten für längere Zeit anhalten, würden die Haushaltsschwierigkeiten steigen und negative Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit haben, schrieb die Ratingagentur in ihrem wöchentliche Kreditbericht. Nachtigall, ick hör dir trappsen: Hatte doch gerade erste die Ratingagentur Standard & Poor's - nach eigenen Angaben - versehentlich Frankreichs Toprating „AAA“ herabgestuft. langsam ist es wirklich kein Scherz mehr.

Streit über Euro-Bonds

Über den Verstand der Deutschen mag manch ein Beobachter mittlerweile auch geteilter Meinung sein. So hat Angela Merkel heute erneut betont, dass sie gegen die Einführung gemeinsamer Anleihen der Eurostaaten, der sogenannten Euro-Bonds, ist. Zugleich ließ sie aber mitteilen, dass sie die Vorschläge von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zur Einführung von Euro-Bonds prüfen will. Ein entschiedenes Sowohl-als-auch also. Top-Ökonomen haben dagegen eine klare Meinung zu Barrosos Vorschlägen: Sie zerreißen sie in der Luft. Sie hätten nicht nur unberechenbare Folgen, sie reduzierten auch den Druck auf Länder wie Italien, ihre Schulden zu senken.

Das Imageproblem der Euro-Zone

Mittlerweile bekommt die Euro-Zone offenbar ein kollektives Imageproblem. So hat jetzt die britische Standard Chartered als erste Großbank angekündigt, ihre Kreditbeziehungen zu Instituten in der Euro-Zone zu überdenken. „Wir haben uns das mal angeschaut und festgestellt, dass wir nicht mehr so stark vertreten sein müssen wie in der Vergangenheit“, zitierte die „Financial Times“ am Montag den Asien-Chef der Bank, Jaspal Bindra. Standard Chartered kappe zwar keine bestehenden Kreditverbindungen, überdenke aber eine Verlängerung des Engagements bei Fälligkeit. Im Gegenzug würden chinesische Banken als Geschäftspartner interessanter.

Hilfe für Ungarn

Probleme mit den Schulden hat auch Ungarn. Das Land hat heute Finanzhilfen bei der EU in Brüssel beantragt. Das sei natürlich nur vorbeugender Natur, eine akute Gefahr bestehe nicht, beeilte sich die EU mitzuteilen. Merkwürdig nur, dass Ungarn zugleich auch Hilfe beim IWF beantragt hat. Das war sozusagen ein Gang nach Canossa. Hatte Ungarn doch im Vorjahr die Zusammenarbeit mit dem Fonds wegen Meinungsverschiedenheiten selbstbewusst gekündigt. Nun scheint dann doch die Not wieder groß.

Die Wahrnehmung des Herrn Mappus

Die Vergangenheit eingeholt hat auch Stefan Mappus. Der Alt-Ministerpräsident von Baden-Württemberg ist nach nur vier Monaten von seinem Job als Manager beim Chemiekonzern Merck zurückgetreten. Die gedrechselte Begründung für seinen Rückzug wird in die Annalen eingehen: „Die zumeist diffamierenden Angriffe und Verleumdungen gegen meine Person und die von mir geführte Landesregierung im Zusammenhang mit dem Einstieg des Landes bei der EnBW erfordern eine angemessene Reaktions- und Wehrfähigkeit meinerseits.“ Tatsächlich hat der Staatsgerichtshof in Stuttgart entschieden, dass die schwarz-gelbe Landesregierung unter Mappus bei dem 4,7 Milliarden Euro teuren Aktienkauf den Landtag widerrechtlich umgangen habe. Aber Politiker tendieren ja häufig dazu, sich die Wirklichkeit schönzureden.

Was fehlt? Im Konferenzzentrum eines Hotels im südwestchinesischen Chengdu hat Chinas stellvertretender Ministerpräsident Wang Qishan die "positiven Fortschritte" gelobt, die sein Land bei der Bekämpfung der Produktpiraterie gemacht habe. Dumm nur: Wenige Meter entfernt im gleichen Hotel prangt über einem Modegeschäft der Schriftzug "Armonini", der mit einem stilisierten Adler sehr stark an die italienische Marke Armani erinnert. Ist das jetzt Verstand oder Witz? Wahrscheinlich eher Chuzpe. Was hätte Kleist dazu gesagt? "Torheit, du regierst die Welt."

Einen schönen Feierabend wünscht

Florian Kolf

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