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15.12.2011

18:58 Uhr

Florian Kolf - Was vom Tage bleibt

Von lähmendem Stillstand und überraschenden Volten

VonFlorian Kolf

Was haben der britische Regierungschef und der saarländische FDP-Fraktionschef gemeinsam? Sie suchen nach einem Alleingang neue Freunde. Die Berliner S-Bahn dagegen dürfte heute die letzten Freunde vergrault haben.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

nichts schlägt wohl mehr aufs Gemüt als ein erzwungener Stillstand wenn man das Ziel klar vor Augen hat.

S-Bahn-Ausfall legt Berlin lahm

Genau so fühlten sich heute Tausende von Berlinern - und das leider nicht zum ersten Mal. Drei Stunden lang lag der gesamte S-Bahn-Verkehr der deutschen Hauptstadt lahm, wegen einem Stromausfall in einem Stellwerk. Ein Spötter auf Facebook nahm es mit Galgenhumor. "Wenn die Berliner S-Bahn durch einen Stromausfall in einem einzigen Stellwerk lahmgelegt werden kann: Wie kam Berlin über den Kalten Krieg?" Doch lustig ist es wirklich nicht mehr. Dass sich eine Millionenstadt so eine lausige Infrastruktur leisten kann, ist ein Skandal. Aber leider einer, mit dem die Berliner schon jahrelang leben müssen.

Wulff gesteht Fehler ein

Bewegung gekommen ist dagegen in die Geschichte um den umstrittenen Privatkredit von Bundespräsident Christian Wulff. Er hat heute nach tagelangem Schweigen Fehler eingestanden und sein Verhalten bedauert. Es wäre besser gewesen, wenn er 2010 vor dem Landtag alle Vorgänge rund um den Privatkredit des Unternehmerpaares Geerkens erwähnt hätte. Leider eine sehr späte Einsicht, die ihm erst nach harter Kritik aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen kam. Durch sein Schweigen und seine spitzfindigen Rechtfertigungsversuche hat er erst den Eindruck erweckt, es gäbe etwas zu verbergen. Nun hat er die Chance, das Vertrauen zurückzugewinnen.

FDP-Abgeordneter wechselt die Seiten

Eine echte Volte dagegen hat der FDP-Fraktionschef im saarländischen Landtag, Christian Schmitt, hingelegt. Nicht nur dass er überraschend von seinem Amt zurücktrat und die ohnehin taumelnde FDP verließ. Er erklärte heute, dass er nahtlos in die Fraktion des Regierungspartners CDU wechselt. Er begründete seinen Schritt damit, dass eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in der FDP-Fraktion nicht mehr möglich sei und für ihn eine persönliche Schmerzgrenze erreicht sei. Dumm nur, dass er auch künftig in der schwarz-gelb-grünen Koalition mit seinen Ex-Parteifreunden zusammenarbeiten muss.

Cameron will die EU spalten

Nach Freund und Feind sortiert wird nun offensichtlich auch in der EU. Nachdem der britische Premier Davis Cameron als einziger der 27 Regierungschef den EU-Vertrag nicht unterzeichnet hat, der den Euro stabilisieren soll, wird es ihm jetzt wohl doch unbehaglich in seiner anfangs so triumphierend gefeierten "splendid isolation". Medienberichten zufolge hat er mit seinen Amtskollegen in Irland und Schweden telefoniert, um Allianzen aufzubauen. Er spekuliert offenbar auf Umfaller. Sollte er damit Erfolg haben, dürfte das das Ende der EU einläuten, wie wir sie bisher kennen. Denn wenn es ihm gelingt, in dieser wichtigen Frage einen Keil in die Gemeinschaft zu treiben, ist das Projekt eines gemeinsamen Europas gescheitert. Um den dann drohenden Stillstand zu umgehen, müsste eine kleine Gruppe von Kernländern alleine weitergehen.

Berggruen pokert um Kaufhof

Zum Schluss ausnahmsweise noch einen kurzen Ausblick auf morgen. Da trifft der Metro-Aufsichtsrat möglicherweise eine Vorentscheidung über den Verkauf der Tochter Kaufhof. Heute hat Bieter Nicolas Berggruen zusammen mit der Immobilieninvestoren-Gruppe Blackstone nach Handelsblatt-Informationen aus Finanzkreisen ein verbessertes Angebot vorgelegt. Damit nutzt er die Schwäche des Konkurrenzbieters, der österreichischen Immobilienfirma Signa. Die hatte bisher zwar das bessere Angebot vorgelegt, doch Signa-Chef Rene Benko hat ein Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche am Hals. Offenbar hat Berggruen nur taktisch klug auf den richtigen Zeitpunkt seines Gegenangriffs gewartet.

Was fehlt? Handelsblatt Online hat heute seinen großen Jahresrückblick gestartet. Da können sie bis Silvester dann Tag für Tag alles, was sie von diesem turbulenten Jahr schon wieder vergessen hatten, in Ruhe noch einmal nachlesen.

Ich wünsche Ihnen einen Feierabend ohne Stillstand, aber auch ohne unangenehmen Überraschungen.

Florian Kolf

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