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08.12.2011

18:16 Uhr

Florian Kolf - Was vom Tage bleibt

Warum Mario Draghi Jungfrauen zersägen soll

VonFlorian Kolf

Selbst mutige Entscheidungen können nicht immer überzeugen. Das musste heute nicht nur der EZB-Präsident erfahren, sondern auch der Versicherer Ergo. Und Josef Ackermann hätte den Tag wohl am liebsten ganz gestrichen.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Sie kennen solche Situationen doch sicher auch: Häufig sind die Erwartungen so hoch, dass die Enttäuschung gar nicht zu vermeiden ist.

Mario Draghi kann nicht zaubern

In so einer Situation war EZB-Chef Mario Draghi heute. Im Prinzip hat er alles so gemacht, wie es von ihm erwartet wurde: Er hat den Leitzins auf ein Prozent gesenkt. Und dann hat er den Banken für die nächsten drei Jahre praktisch unbegrenzt Liquidität zugesichert. Das Problem war nur, dass er damit niemanden mehr wirklich überrascht hat. "Eingepreist" nennt man das in der verqueren Logik der Börsen. Die Märkte wollten mehr, unbegrenzter Ankauf von Staatsanleihen etwa. Oder eine noch stärkere Leitzinssenkung. Vielleicht soll er demnächst auch noch eine Jungfrau zersägen und anschließend wieder zusammensetzen. Doch auch Draghi kann nicht zaubern. Der Dax honorierte diese Erkenntnis mit einem Absturz binnen einer halben Stunde um 90 Punkte auf 5.887 Punkte.

Angela Merkel kann punkten

Angela Merkel kennt diese Falle nur zu gut. Deswegen hat sie heute wieder das getan, was sie immer vor wichtigen Gipfeltreffen macht: Erwartungen gedämpft und sich nur sehr vorsichtig optimistisch gezeigt. Es werde ein Weg aus der Krise gefunden, doch sei diese nicht mit einem Paukenschlag zu beenden, sagte sie. Mit ihrer zunehmend harten und entschlossenen Haltung, hat die Kanzlerin offenbar in der öffentlichen Meinung punkten können. Nach einer heute veröffentlichten repräsentativen N24-Emnid-Umfrage fühlen sich 61 Prozent der Befragten von Angela Merkel in Brüssel „eher gut“ vertreten. Der morgige Tag wird zeigen, ob dieser Vorschusslorbeer nicht auch wieder rasch welkt.

Ergo kann durchgreifen

Kaum ein Unternehmen hat seine Kunden in diesem Jahr so oft enttäuscht wie der Versicherer Ergo - vom Sexskandal bis zu falsch berechneten Riesterverträgen. Nun reagiert er mit einem Neustart seiner umstrittenen Vertriebsorganisation Hamburg Mannheimer. Drei Top-Leute müssen gehen, die Beratung der Kunden soll verbessert werden. Es wird lange dauern bis sich zeigt, ob das reicht, das Vertrauen bei den Kunden zurückzugewinnen.

Feindbild kann blind machen

Für Wirbel hat den ganzen Tag über auch der versuchte Anschlag auf Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gesorgt. Jetzt ist es klar: Es war tatsächliche eine funktionsfähige Briefbombe, die geistesgegenwärtige Mitarbeiter der Poststelle abgefangen haben. Angesichts dieses Schreckens fangen plötzlich viele an nachzudenken, ob sie die Pflege des Feindbilds Ackermann nicht etwas übertrieben haben. Selbst die Bankenkritiker von Occupy haben sich rasch von dem Anschlag distanziert. Jetzt haben sich italienische Anarchisten zu dem versuchten Anschlag bekannt - blinder Hass.

EnBW kann aufatmen

Es war ein klassischer politischer Deal, von dem der schwäbische Energieversorger EnBW profitiert. Der regionale Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW) hat seinen Widerstand gegen eine Ablösung des Vorstandschefs Peter Villis aufgegeben und nun hat heute die Landesregierung im Gegenzug erklärt, dass sie an der Kapitalerhöhung teilnehmen wird. Ob diese politischen Ränkespiele eine gute Basis für die Zukunft des Unternehmens sind, darf bezweifelt werden. Aber zumindest hat EnBW jetzt eine Atempause auf dem Weg zu einer neuen Strategie nach der Atomwende.

Was fehlt? Auf die Gefahr hin, Sie jetzt auch noch zu enttäuschen, muss ich Ihnen sagen, dass Sie einen Porsche 911 Carrera S zum halben Preis, also für etwa 58.000 Euro hätten kaufen können. Ist aber leider schon zu spät. Gleich sechs dieser Luxussportwagen hat ein Schweizer Internethändler als Marketinggag versteigert - und sie waren innerhalb weniger Minuten vergriffen. Es gibt eben doch noch Investoren auf die Verlass ist.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Feierabend,

Florian Kolf

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