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23.01.2012

12:44 Uhr

Henkel trocken

Andere Länder, andere Unsitten

VonHans-Olaf Henkel

Die Causa Christian Wulff ist kein Einzelfall: Auch andere Länder haben ihre Staatsaffären, gehen damit aber häufig lockerer um. Doch eins ist klar: Die Toleranz gegenüber dem Fehlverhalten von Mächtigen sinkt.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Letzte Woche wollte ein Pariser Freund von mir wissen, ob die Deutschen eine nationalmasochistische Veranlagung hätten. Wegen solcher Petitessen, wie in der Causa Wulff,  würden die Franzosen ihr Staatsoberhaupt niemals einer solchen Hetzjagd aussetzen und sich damit als Nation zum Gespött der Weltöffentlichkeit machen. 

Die Angelsachsen sind uns Kontinentaleuropäern mit ihrer "zero-tolerance" gegenüber Korruption und anderen Übergriffen Mächtiger immer noch weit voraus. Verglichen mit der Befragung Christian Wulffs durch ARD und ZDF waren die stundenlangen öffentlichen Vernehmungen von Bill Clinton zu seiner Affäre mit der Praktikantin Monika Lewinski veritable Schauprozesse.  

Auch ein Vergleich des Umgangs der Medien mit Affären ihrer Staatsoberhäupter zeigt, dass das Sprichwort "andere Länder, andere Sitten" eher „andere Länder andere Unsitten“ heißen müsste. 

Wie schon bei ökonomischen Parametern der Fall (Staatsverschuldung, Schwarzarbeit oder Steuerehrlichkeit),  tut sich auch beim Umgang mit Staatsaffären ein deutliches Nord-Süd Gefälle auf. Man erinnere sich an die zahlreichen Affären Berlusconis und an die Erschleichung der Euro-Mitgliedschaft durch die getürkten Zahlen Griechenlands. Ich wusste bis dahin nicht, dass Griechen türken können. Aber auch der Vergleich mit unserem bevorzugten Partner im Westen zeigt große Unterschiede im Umgang mit Staatsaffären. 

Ich lebte und arbeitete in Paris, als herauskam, dass der korrupte und blutrünstige afrikanische Diktator Bokassa die Ehefrau des französischen Staatspräsidenten Valerie Giscard d'Estaing mit Diamanten beschenkt hatte. Zu meinem größten Erstaunen zuckten damals nicht nur meine französischen Geschäftspartner mit den Schultern; auch die Medien sahen die Sache nicht so tragisch. Die Diamanten sind wohl heute noch im Tresor der Familie.

Dafür, dass nicht einmal die sozialistische Opposition die Sache mit Giscards Diamanten an die große Glocke hängen wollte, gab es später auch eine Erklärung. Giscards Nachfolger Francois Mitterand brachte über lange Zeit  seine außerehelich zur Welt gekommene Tochter samt seiner Geliebten in einer vom Staat bezahlten Wohnung unter. Der staatliche Geheimdienst half dabei, die Besuche Mitterrands bei seiner Zweitfamilie zu organisieren und zu verschleiern. Medien hielten diese Geschichte unter der französischen Bettdecke. Als sie dennoch ans Licht kam, war die Kritik am Staatspräsidenten für seine dreiste Vorteilsnahme weit weniger laut als die unverhohlen zum Ausdruck gebrachte Anerkennung für seine Virilität und seine Chuzpe.  

Kommentare (23)

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Account gelöscht!

23.01.2012, 13:02 Uhr

Andere Länder andere Lebensarten...Wenn hier der "kleine Mann" gegängelt wird wie sonst nirgendwo in Europa, dann hat er natürlich auch ein ganz waches Auge auf seine "Volksverkäufer"! Und das ist noch zu unwachsam...

freemann

23.01.2012, 13:13 Uhr

stimmt, sie schlafen alle noch:

Folgesatz: Alles ist ein Traum.

Der Schamane vertritt aber nicht nur die Ansicht, dass Einstellungen, Erwartungen, Telepathie und Glauben auf das Erleben wirken, sondern ist außerdem der Auffassung, das Leben sei ein Traum.

Account gelöscht!

23.01.2012, 13:31 Uhr

"Neben der bei solchen Affären zu konstatierenden Scheinheiligkeit und dem auf zweierlei Weise gemessenen Maß, wird auch ein positiver Trend deutlich sichtbar. .. die Ansprüche an moralisches Verhalten steigen"

Naja, ich sehe in der Wulff-Treibjagd vor allem eine Ersatzhandlung: Am politisch und ökonomisch hoch riskanten heißen Eisen Euro will sich niemand die Finger verbrennen bzw. seine ideologischen Scheuklappen gegenüber dieser monströsen Mißgeburt ablegen und die eigenen Fehleinschätzungen der Vergangeneheit zugeben. Da drischt man zwar an sich richtig und konsequent aber in der Art und Weise völlig überzogen auf einen Bauern namens Wulff ein, um sich selbst als kritsiche Medien und kritische Opposition zu inszenieren, selbstzuvergewissern und sein Versagen beim Euro, der Deutschland noch Kopf und Kragen kosten kann und wirkliche Kritik und Lösungen erfordert, zu vertuschen.

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