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14.05.2012

14:32 Uhr

Henkel trocken

Auf in die Inflationsunion

VonHans-Olaf Henkel

Die Wähler in NRW haben sich gegen die Sparpolitik entschieden. Mit der jetzt ausgestellten Ermächtigung für neue Schulden haben sie sich völlig rational verhalten. Den Titel des letzten Akts kann man leicht erraten.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Vor einer Woche haben sich die Wähler in Griechenland und Frankreich mehrheitlich gegen „zu viel sparen“ entschieden. Gestern entschieden die Wähler von Nordrhein-Westfalen, des viertgrößten Landes der Eurozone, ebenso. Zwar hatten wir selten einen Wahlkampf, der so von Persönlichkeiten bestimmt war, wie der in Nordrhein-Westfalen, und das Votum, da sind sich alle einig, war eins für Hannelore Kraft und gegen Norbert Röttgen. Es wäre aber fahrlässig, es bei dieser Analyse zu belassen, denn es gab in NRW auch ein alles beherrschendes Sachthema: die galoppierende Verschuldung des Landes.

Die CDU und ihr Norbert Röttgen erinnerte immer wieder daran, dass die noch amtierende rot-grüne Landesregierung einen Haushalt eingebracht hatte, der sogar vom Landesverfassungsgericht wegen exzessiver Schuldenmacherei für ungesetzlich erklärt wurde. Christian Lindners FDP zog nicht mehr mit „weniger Steuern“, sondern mit „neue Wahlen statt neuer Schulden“ in den Wahlkampf. Die SPD machte es umgekehrt und ging mit mehr „mehr Schulden“ in die Schlacht. Frau Kraft fand dafür die kühne Begründung, dass für vorbeugende Maßnahmen getrost neue Schulden gemacht werden dürfen.

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Dass die Wähler der Südländer und Frankreichs für neue Schulden votieren würden, war schon deshalb keine Überraschung, weil sie in der Eurozone mehrfach die Erfahrung machen konnten, dass sie diese nicht allein bezahlen mussten. Drohten sich die Schulden der Südländer über ihren Bürgern in einem Wolkenbruch zu entladen, spannten die Nordländer für sie diverse Rettungsschirme auf und hielten sie auf dem Trockenen.

Im Bühnenstück „Euro “ kam im ersten Akt die „Währungsunion“ zur Aufführung. Mit den inszenierten Rettungsaktionen mutierte diese im zweiten Akt zur „Transferunion“. In NRW geht jetzt der Vorhang auf zum dritten Akt auf. Mit der jetzt für die Landesregierung in NRW ausgestellten Ermächtigung für neue Schulden haben sich die Wähler in NRW völlig rational verhalten. „Warum“, so die Logik, „sollen ausgerechnet wir die einzigen sein, die sich Sparprogramme auferlegen, wenn wir die finanziellen Lasten aus gebrochenen Sparversprechen anderer tragen sollen?“ Dieser Akt trägt den Titel: „Schuldenunion“.

Jetzt ist kein Halten mehr. SPD und Grüne wollen, so wie Franzosen, Griechen, Portugiesen und Spanier auch, „wachstumsfördernde Elemente“ im Fiskalpakt, was im Klartext die Rücknahme der im Gegenzug für deutsche Bürgschaften gegebene Sparzusagen bedeutet. Sogar der deutsche (!) Finanz(!)minister plädiert für eine kräftige Erhöhung der (in der Eurozone immer noch dritthöchsten) Löhne der deutschen Arbeitnehmer. Den Titel des letzten Akts des Stückes kann man leicht erraten: „Inflationsunion“.

Es sei denn, jemand springt auf die Bühne und beendet das Theater. Was stattdessen zur Aufführung gebracht werden sollte, ist von mir mit dem Titel „Nord-Euro“ schon oft genug beschrieben worden.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (28)

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Geld-_und_Lachsack

14.05.2012, 14:56 Uhr

Festzuhalten ist, dass die Inflation hauptsächlich die mit signifikant angeschwollenem Geldbeutel treffen wird.
Das sind aber nicht gerade H4ler oder sogar inzwischen Menschen weit in die Mittelschicht hinein.
Wenn so den Dieben wieder genommen wird, was sie sich so durch ihre Raffzahnmentaltät auf Kosten großer Teile der Bevölkerung angegeignet haben, so kommt bei mir keine Trauer auf. Mag man mir ruhig Neid unterstellen, ich kenne mich besser und weis, dass das Gerechtigkeitgefüge in für mich dieser Republik in Schieflage gekommen ist. Das sollte wieder zurecht gerückt werden. Ohne das Gleichmacherei angestrebt wird. Die Ratio minderer Einkommenzu der großer Einkommen muss auf ein von allen akzeptiertes Maß zurecht gestutzt werden.

Bibi

14.05.2012, 15:03 Uhr

Inflation trifft doch nicht die mit dickem Geldbeutel, sondern umgekehrt. Genau die, die wenig Geld haben, müssen bei Inflation am meisten leiden.

R.Rath

14.05.2012, 15:10 Uhr

Es hat in der europäischen und deutschen Geschichte immer wieder Phasen gegeben, wo die Vernunft "auf Wiedersehen" gesagt hat, mit den bekannten Folgen. Offenbar treten wir wieder in eine dieser Geschichtsabschnitte ein. Die Wähler in NRW haben sich zwar "rational" verhalten, indem sie dafür gestimmt haben nunmehr auch Teil des Clubs mit vergemeinschaftenten Schulden per paneuropäischer Schuldenunion zu werden. Im Sinne einer "Vernunft" die daraus aus wäre, eine hoch inflationäre Entwicklung der Gemeinschaftswährung zu vermeiden, werden alle zusammen die glauben zusammengehören zu müssen als Mitglieder eines Einheitseuro, zu den Verlieren gehören.
Das letzte Wort werden die "Märkte" haben und daran besteht allerdings nicht der Hauch eines Zweifels.

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