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12.12.2011

09:37 Uhr

Henkel trocken

Das perfide Albion

VonHans-Olaf Henkel

Wir brauchen die Briten in Europa dringend. Sie bewahren ihren gesunden Menschverstand auch dann, wenn ihn die anderen in ihrer schwärmerischen Euromantik an der Brüssler Garderobe abgegeben haben.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

“Albion” ist ein antiker Name für Großbritannien. Im 18. Jahrhundert fügten die Franzosen das Adjektiv „perfide“ hinzu. Nicht ganz ohne Grund, kaperten die Briten doch zu Beginn des Siebenjährigen Krieges ohne Kriegserklärung 300 französiche Handelsschiffe. Für Napoleon war England perfide, weil es die Kontinentalsperre verfügte, um eine Invasion des Korsen auf ihre Insel zu verhindern.

Später begründete Kaiser Wilhelm den Aufbau der kaiserlichen Flotte mit dem Hinweis auf das „perfide Albion“. Es sollte Schluss sein mit „Britain rules the waves“. Als die britische Luftwaffe 1940 die in Nordafrika festsitzende französische Flotte zerstörte, packte Hitlers Propaganda diesen Begriff wieder aus, um das besetze Frankreich gegen die Briten aufzuwiegeln.

Nach der Lektüre fast ausschließlich britisch-kritischer Kommentare über den Verlauf des bisher letzten Euro-Gipfels von vergangener Woche, wundert es mich geradezu, dass mein Kommentar bei Handelsblatt Online der erste ist, in dem dieser Schmäh-Begriff vorkommt.  

Reihenweise kritisierten deutsche Kommentatoren die „Sturheit“ Großbritanniens, die „FAZ“ hielt sogar die Reaktion britischer Euro-Skeptiker für „töricht“, dabei wollen nach neuesten Umfragen von den zehn Nicht-Euro-Staaten heute nur noch die Rumänen in den Euro. „Die Zeit“ bescheinigt den Briten „Realitätsverlust“, Focus nannte Großbritannien einen „begossenen Pudel“. Wenn sie sich da mal nicht alle täuschen. Grossbritannien gleicht eher einer knurrenden Bulldogge.

Es  war immer schon ein beliebter Trick der Politik, von den Schwierigkeiten zu Hause durch den Hinweis auf noch größere Schwierigkeiten anderswo abzulenken. Klar, dass sich unsere Politiker die Gelegenheit nicht entgehen ließen, von ihren selbstgebastelten Euro-Problemen durch Kritik an der britischen Regierung abzulenken.

Minister Brüderle meinte, die Briten „würden nur auf eigene Vorteile achten“. Wie schrecklich! Für den Vertreter eines Landes, welches wieder einmal für weiche Versprechen hartes Geld garantierte (das Vorziehen des ESM wird den deutschen Haushalt im nächsten Jahr zusätzlich mit bis zu 22 Milliarden Euro belasten), muss das Achten auf die Vorteile des eigenen Landes in der Tat eine Ungeheuerlichkeit sein.

Wohl weil die Briten sich weigern, der 18. Staat der Euro-Zone zu werden, schlägt DGB-Chef Sommer den Briten vor, der 51. Staat der USA. zu werden. Das eröffnet ganz neue Langfristperspektiven auch für unser Land, sollten die USA aus ihrem Schuldensumpf und ihrem Konjunkturtief schneller herauskommen als wir und die Euro-Zone erst eine Schuldenzone und dann eine Inflationszone werden.

EU-Parlamentarier Schulz meinte, die Briten hätten ein „gigantisches Eigentor“ geschossen. Wenn man die von ihm in den deutschen Kasten geschossenen Eigentore dagegen aufrechnet, wie zum Beispiel die durch sein Parlament beschlossene Bestrafung von „Exportsündern“, dann dürfte es immer noch ungefähr 10:1 für die Briten stehen.

Auch sind sich deutsche Presse und deutsche Politik einig in ihrer Kritik an der britischen Ablehnung der „Finanztransaktionssteuer“. Beschwerte sich der Kaiser noch über „Britain rules the waves“, lamentieren die Deutschen heute über „Britain waives the rules“.

Gerade diese Haltung zeigt aber, warum wir die Briten in Europa dringend brauchen. Sie bewahren ihren gesunden Menschverstand auch dann, wenn ihn die anderen in ihrer schwärmerischen Euromantik an der Brüssler Garderobe abgegeben haben. Zwar hatten auch Kanzlerin Merkel und ihr Minister Schäuble noch vor nicht allzu langer Zeit mit guten Gründen gegen eine solche Steuer gewettert. Seit die steuergeldgeilen Finanzpolitiker hier eine Quelle entdeckt haben und den Wählern vorgaukeln konnten, diese würde von den bösen Banken gespeist, ist die Finanztransaktionssteuer bei uns sogar populär.

Für die Briten ist das ein Beispiel von typisch deutschem Nationalmasochismus. Dabei werden die Deutschen sowohl von den Medien als auch der Politik hinters Licht geführt, denn das wäre die erste indirekte Steuer, die nicht auf den Verbraucher abgewälzt würde, also auf die Kunden der Banken, Versicherungen und Sparkassen. Demnächst werden uns die Politiker auch noch weismachen, dass die Mehrwertsteuer von Karstadt und die Mineralölsteuer von BP bezahlt werden.

Es nähme eine tragische Wendung, wenn die Briten die EU ausgerechnet wegen des durch den Euro angerichteten Chaos verließen. Auch an diesem Beispiel sieht man: Der Euro, der mal konzipiert wurde, um Frieden und Eintracht in Europa zu stiften, bewirkt immer deutlicher das Gegenteil. Er entwickelt sich zu einem gefährlichen Spaltpilz. Wenn die Mehrheit der Briten nun schon aus der EU austreten will, dann liegt das an den dauernden Negativschlagzeilen über den Euro vom Festland.

Mit Schrecken beobachten die Briten, wie die Euromantiker nun aus dem einmal verabredeten „Europa der Vaterländer“ einen zentralistischen Zentralstaat, genannt „Fiskalunion“, machen. Schlimmer noch, sie nehmen wahr, dass das alles als Nebenprodukt diverser Euro-Rettungsaktionen geschieht und der ganze Kontinent auf die Bedürfnisse einer Währung ausgerichtet wird.

Die Briten sehen das so: Eine Währung müsste den Vorraussetzungen Europas entsprechen und nicht umgekehrt.

I couldn‘t agree more.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (24)

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Baier

12.12.2011, 10:32 Uhr

Klasse Artikel! Die Briten können froh sein, dem schuldensozialistischen Euroland die Zähne gezeigt zu haben. Ich lebe lieber in einem dezentral ausgerichtetem Europa, als von Barroso, Juncker, Sarkozy, Rompey oder den Griechen-Pappas regiert zu werden. Und was DGB-Sommer in seiner Schuldenbegeisterung betrifft: Mit seiner Meinung könnt man ihn auch der untergegangenen DDR zuordnen. Dort gab es eine zentralistische Planwirtschaft, von der nur Bonzen profitierten. Kleinverdiener, Sparer und Rentner waren die Verlierer.

Austrokeynes

12.12.2011, 10:46 Uhr

Ach Gott, als jemand, der für Amerikaner arbeitet, sollte man Englisch können und wissen, was der Unterschied zwischen "wave" und "waive" ist. England der Hort der Vernunft? Herr Henkel ist wohl regelmässiger Leser der 'Sun'. Und zuviel Sonne bewirkt bekanntlich einen Sonnenstich.

Logo23

12.12.2011, 11:06 Uhr

Die „ach so klugen“ Briten haben schon ein Weltreich „vergeigt“. Nun wollen sie als 51. Bundesstaat der USA am Niedergang eines anderen Weltreiches teilnehmen. Ob das so klug ist ?
In der EU könnten sie immerhin am Aufbau der neuen Weltwährung teilnehmen !

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