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22.10.2012

10:44 Uhr

Henkel trocken

Das Schweigen der Chefredakteure

VonHans-Olaf Henkel

Den sonst so kritischen deutschen Journalisten fehlt offenbar der Durchblick. Statt den Euro endlich abzuschreiben, klammern sie sich verbissen daran fest. Doch ewig kann das nicht so gehen. Und dann warten viele Fragen.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

In den letzten Monaten war ich in Schweden, Dänemark, Lettland, Estland, Litauen, Tschechien, Großbritannien, Polen und der Schweiz; mit Ausnahme Estlands sind das Nicht-Euroländer. Es ist hinreichend bekannt, dass die Bürgerinnen und Bürger dieser Länder mit dem Euro nichts mehr zu tun haben wollen. Journalisten aus diesen Ländern fragten mich, warum sich die Deutschen die finanzielle Überforderung durch ihre eigene Regierung gefallen lassen. Ich wies auf die Tatsache hin, dass Frau Merkel im Bundestag keine Opposition zu fürchten habe. Ich erwähnte, dass aus historischen Gründen hierzulande eine ehrliche Diskussion über Alternativen zum Einheitseuro als politisch inkorrekt wahrgenommen und zu einem Tabu erklärt wurde.

Trotzdem wundern sich ausländische Journalisten darüber, dass ihre berufsmäßig kritischen Kollegen in Deutschland dem Einheitseuro in unverbrüchlicher Treue ergeben zu sein scheinen. Zwar sehen sie, dass es jetzt auch bei uns immer mehr Journalisten gibt, die mit messerscharfer Diagnose und düsterer Prognose ein realistisches Bild für den Europatienten zeichnen.

Sie registrieren, dass auch deutsche Kollegen zwar immer öfter über den ESM und auf die EZB schimpfen, diese sich aber weiterhin für die Beibehaltung der Einheitswährung aussprechen. Müsste nicht auch den deutschen Journalisten, so fragen die Ausländer, längst klar sein, dass ohne die auch von ihnen kritisierten Rettungsaktionen der Einheitseuro schon längst Geschichte wäre?

Akribisch schnüffeln deutsche Journalisten den Privatreisen eines Ex-Bundespräsidenten und dem Privatleben seiner Frau hinterher. Neueste Nachrichten über die Dissertation der Forschungsministerin finden sich als Aufmacher auf der ersten Seite der „FAZ“. Fast schon rassistische Untertöne schlägt die “Bild“ an, wenn sie über die Zustände in Griechenland berichtet.

Beim Megathema „Euro“ dagegen ruht still der See, und wehe dem, der für Wellengang sorgt. Ich kann ein Lied davon singen. Befürworter einer alternativen Europolitik werden in Talk-Shows von Vertretern des Euromainstreams regelmäßig umzingelt und von den Moderatoren durch Minenspiel, Körpersprache und dauerndes Unterbrechen marginalisiert.

Kommentare (99)

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Account gelöscht!

22.10.2012, 10:53 Uhr

"Die Berechtigung dieser Fragen liegt auf der Hand. Irgendwann werden sie zu beantworten sein."

Sehr höflich ausgedrückt! Vielleicht wird man auch an andere Zeiten in Deutschland erinnern, als wegsehen und freiwillige Gleichschaltung en vogue waren...

Ben-Wa

22.10.2012, 10:54 Uhr

Meiner Meinung nach werden auch die verantwortlichen Journalisten auf der Anklagebank sitzen. Sie gebährden sich wie der Klumpfuß im Propagandaministerium. Trommeln, trommeln, trommeln, desinformieren, lügen, beschwichtigen, ein bißchen Wahrheit und dann sofort die Moralkeule und die Angstmacherei. Wie früher eben auch. Wie im Krieg.
Diese EU ist schon gescheitert. Die Politaffen spielen nur noch ein bißchen Theater auf der großen Brüsseler Bühne. Der Euro wird später als der Sprengsatz identifiziert werden. So versuchen die Politlakaien, "koste es, was es wolle" (darunter als Kosten die Freiheit, die Demokratie, das Recht), den Euro zu retten. Lieber die EUSSR als zuzugeben, daß der Euro der größte Fehler war. So steht Europa und Deutschland am Abgrund. Die größte wirtschaftliche, soziale und politische Katastrophe in Deutschland seit 1945.
Wann endlich wird die Journaille wach und benennt die Verantwortlichen?

leser

22.10.2012, 10:55 Uhr

Olaf Henkel für die Freiheit gegen die Unterdrückung der freien Meinung, seiner eigenen zum Beispiel.
Gut gemeint kann aber auch ziemlich danebengehen...

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