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28.01.2013

11:52 Uhr

Henkel trocken

Der Euro und die britische Europamüdigkeit

VonHans-Olaf Henkel

Viel zu leichtfertig wird über einen möglichen EU-Austritt der Briten debattiert. Dabei würde Deutschland in Brüssel seinen wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Die deutsche Reaktion auf die Europarede des britischen Premiers war vorauszusehen. Für unsere Politiker und Medien ist die Ankündigung Camerons, seine Bürger über den Verbleib in der EU entscheiden zu lassen, nichts als eine bodenlose Dummheit. Außenminister Westerwelle und der Präsident des Europaparlaments Schulz gossen mit ihrer Reaktion („Mehr Europa!“) noch Öl ins Feuer. Dass sie damit die antieuropäische Stimmung auf der Insel weiter anheizen, nehmen sie in Kauf.

In deutschen Medien findet man nur wenig über die wahren Ursachen der britischen Europamüdigkeit und über die Konsequenzen, die ein Austritt der Briten aus der EU für Deutschland hätte. Bei der Suche nach der Ursache britischer EU-Müdigkeit wird man schnell fündig. Den Briten sind die Nachrichten über das Euro-Chaos auf dem Kontinent genauso in die Knochen gefahren wie den Bürgern der anderen neun Nicht-Euroländer der EU. Von denen ist bekanntlich nur den Rumänen der Appetit auf die Einheitswährung noch nicht vergangen.

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Mit ungläubigem Staunen sehen die Briten, wie die zur Rettung des Euro nötige Angleichung der Produktivität des Südens und der des Nordens („Harmonisierung“) die Wettbewerbsfähigkeit der ganzen Euro-Zone schwer beschädigt. Sie registrieren mit Entsetzen, dass mit der Sozialisierung der Schulden („Bankenunion“) ein perfektes System organisierter Verantwortungslosigkeit eingeführt wird. Vor allem fühlen sie sich durch den im Gefolge von Eurorettungspaketen grassierenden Zentralismus („Mehr Europa“) völlig überrumpelt. Nicht die Briten ändern die Spielregeln, die Euromantiker tun es. Sie müssen es tun, um am Einheitseuro festhalten zu können.

Auch bei der Beschreibung der Folgen eines Austritts Großbritanniens aus der EU fällt die Einseitigkeit der Berichterstattung auf. Das Land würde selbst am meisten darunter leiden, heißt es. Dabei gibt es mit Schweden und Dänemark gute Beispiele dafür, wie man außerhalb der Euro-Zone besser abschneiden kann als innerhalb. Norwegen und die Schweiz machen nicht nur ohne Euro sondern sogar ohne EU erfolgreich ihren Weg. Wer sagt, dass Großbritannien das nicht auch könnte, anstatt im Sog des Loser-Clubs „Euro-Zone“ mit unterzugehen?

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Noch ist der Briten-Austritt aus der EU reine Theorie. Doch sollte die drittgrößte EU-Volkswirtschaft tatsächlich diesen Weg gehen, könnte das aus Sicht von Ökonomen Europa hart treffen – vor allem Deutschland.

Auch die Folgen, die ein Austritt der Briten für Deutschland hätte, werden unter den Teppich gekehrt. Mit London würden wir in Brüssel den wichtigsten Mitstreiter für Marktwirtschaft, Eigenverantwortung und Wettbewerb verlieren. Wir wären dem Süden unter Führung der staatsgläubigen Zentralisten in Paris noch mehr ausgeliefert als wir es heute schon sind. Dabei verlieren die Länder der Euro-Zone auch als Handelspartner schon jetzt für uns immer mehr an Gewicht. Zu D-Markzeiten gingen 46 Prozent unserer Exporte in die Euro-Zone. Heute sind es nur noch 39 Prozent, Tendenz fallend. Es blieb dem britischen Deutschlandkenner David Marsh vorbehalten, den Deutschen jetzt im Handelsblatt mitzuteilen, dass Frankreich als unser bisher größter Handelspartner von Großbritannien abgelöst wurde. In einigen Dekaden wird Großbritannien Deutschland auch als bevölkerungsreichstes Land der EU überholen, wenn sie dann noch dabei sind.

Trotz „Rabatt“ auf britische Beitragszahlungen, ist Großbritannien der zweitgrößte Nettozahler in der EU. Die Leser von „Henkel trocken“ dürfen dreimal raten, wer den Beitrag der Briten übernehmen wird, wenn sie wegen der Europolitik die EU verlassen haben.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (40)

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Account gelöscht!

28.01.2013, 12:11 Uhr

EU Martin Schulz redet agressiv gegen die Freiheitspläne von UK's David Cameron an, weil er vom EU-Grossreich träumt mit Machtzentrale in Brüssel und in seinem Auftrag agiert.

Solche Grossmachts-Träume sollte Deutschland nicht unterstützen - M.Schulz bewegt sich da auf braunem Territorium !
Will sagen, wir hatten als Deutsche schon mal agressiv redende Propaganda-Minister, die andere Länder einschüchtern wollten und die verlangten, dass sich andere Völker unterwerfen sollen.

M.Schulz sollte sich was schämen !

Italiens Ministerpräsident Mario Monti sprach sich für das EU-Referendum in Großbritannien aus. Monti geht davon aus, dass sämtliche Kosten und Nutzen dieser Wahl den zukünftigen Weg für andere europäischen Ländern erleichtern werden. Dies ließ Monti beim World Economic Forum in Davos verlauten. Der Politiker forderte die EU dazu auf, endlich einen grundsätzlichen Konsens zu finden.Die in Brüssel gefällten Entscheidungen seien leider meist nur kurzfristig gedacht. ..."

Mit "alternativlosen kurzfristigen Trippelschritten" hin zur EU-Machtzentrale. Das ist der perfide Plan. Denn so einen langfristigen Beschluss würde die "EU in Brüssel" nie durchbekommen bei den 27 Ländern. Nur hinterrücks immer weiter "Trippel-Schritte". Ja ja ertappt Merkel, M.Schulz, Rompuy und Barroso. Und immer EURO's als Druck- Lock- und Erpressungsmittel benutzen. Perfide !
https://www.openpetition.de/petition/online/eu-in-bruessel-aufloesen-zurueck-zur-kooperation-der-freien-ewg-staaten-europas

Sarina

28.01.2013, 12:22 Uhr

Als Präsident des EU-Parlamentes kann der Schulz keine andere Position vertreten, denn seine Voraussetzung war eine zweijährige Ausbildung zum Buchhändler mit vorausgegangenem Schulabbruch. Wo sonst könnte man mit Ausnahme von Griechenland noch eine so gut dotierte Stellung ergattern?

Account gelöscht!

28.01.2013, 12:22 Uhr

"Nicht die Briten ändern die Spielregeln, die Euromantiker tun es. Sie müssen es tun, um am Einheitseuro festhalten zu können."

Kleine Korrektur: Sie tun es um die FASSADE eine Einheitseuro aufrechtzuerhalten. Tatsächlich gibt es längst mehrere Währungen hinter der Fassade. Da man den kulturell und substanziell völlig verschiedenen Volkswirtschaften wegen der Euro-Zwangsjacke nicht mehr mit unterschiedlichen Nominalzinssätzen begegnen kann, versucht man es über eine heterogene Geldpolitik (selektive Anleihenkäufe, ELA-Betrug) und Sicherheitenstandards, die es in einer echten Einheitswährung gar nicht geben dürfte.

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