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01.10.2012

08:16 Uhr

Henkel trocken

Der Euro und die „Vier-Augen Gesellschaft“

VonHans-Olaf Henkel

Beim Thema Euro-Krise macht sich langsam ein Stimmungswandel breit. Entgegen den eigenen Lobreden auf Europa zweifeln immer mehr Experten an der Rettungspolitik. Meist aber nur unter vier Augen. Das nenne ich Feigheit.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Am Wochenende nahm ich an einer Tagung des Aspen Instituts in Berlin teil. Unter den Gästen waren die Finanzminister Italiens und Deutschlands, Vittorio Grilli und Wolfgang Schäuble. Natürlich wurde vor allem über den Euro und Europa gesprochen.

Wie in Talk-Shows und anderen öffentlichen Veranstaltungen zu diesem Thema hierzulande auch, verlief die Diskussion meist auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Wies jemand darauf hin, was selten vorkam, dass der Euro seine ökonomischen und politischen Zielsetzungen verfehlen wird, wechselten die Anhänger der derzeitigen Eurorettungspolitik die Argumentationsebene. Statt sich mit den Folgen der Europolitik zu beschäftigen, wurde an den Frieden erinnert, der in Europa herrsche und bewahrt werden müsse; so als hätten wir diesen dem Euro zu verdanken.

Dass der Euro zu immer größerem Streit zwischen den potenziellen Geber- und Nehmerländern in der Eurozone führt und der Graben zwischen diesen und den zehn Nichteuroländern immer breiter wird, wurde genauso ignoriert wie die zeitgleich stattfindenden Demonstrationen in Athen, Lissabon und Madrid. Statt sich mit den wahren Ursachen der Eurokrise auseinanderzusetzen, wurden diese von den anwesenden Politikern en bloc einem „zu wenig Europa“ in die Schuhe geschoben.

Die Eröffnungsrede Wolfgang Schäubles war ein Musterbeispiel gewiefter Eurorhetorik. Er brachte es fertig, erst darauf hinzuweisen, dass Europa wegen der Herausforderungen der Globalisierung wettbewerbsfähig bleiben müsse, um dann Rezepte zu verschreiben, die das glatte Gegenteil bewirken. Statt der noch im Lissabon-Vertrag gehuldigten Subsidiarität das Wort zu reden, machte er sich für mehr Zentralismus in Brüssel stark. Statt den Wettbewerb zwischen den Ländern in der Eurozone zu fördern, forderte er Harmonisierung in der Fiskalpolitik. Statt auf die Selbstverantwortung der Länder für ihre Schulden zu pochen, lobte er das mit der Eurorettung etablierte System organisierter finanzieller Verantwortungslosigkeit.

Kommentare (58)

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Account gelöscht!

01.10.2012, 08:33 Uhr

Danke Herr Henkel, gut auf den Punkt gebracht. Eurokritiker sind nicht erwünscht, auch wenn sie noch so Recht haben.

pro-d

01.10.2012, 08:43 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

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Martin

01.10.2012, 09:27 Uhr

In der Tat ist es die "Political Correctness", - Herr Henkel nennt sie "Feigheit" -, die unter der unseligen Ära Merkel Ausmaße angenommen hat, welche das politisch - mediale Gefüge der Bundesrepublik an die Unterwürfigkeit einer DDR 2.0 anpasst, welche Bestandteil eines Großeuronischen Reiches, besser bekannt unter die "Vereinigten Staaten von Europa" fungieren soll. So beschreibt Gertrud Höhler in Ihrem Buch "Die Patin" die lautlose Sprengungen der Demokratie, wenn Angela Merkel so ganz en passant stillschweigende Bestandteile des europäischen politischen Wertekonsenses über Bord wirft, so dass sich die westlich sozialisierten Parteifreunde und Mitstreiter erstaunt fragen: Kann man das machen? Ja, man kann. Frau Merkel hat als Machtpolitikerin ihre Reihen nach Politbürö-Manier mit willfährigen Lakeien besetzt und die Presse ordnet sich kritiklos ihrem Diktat unter. Es ist nicht mehr die Demokratie der alten Bundesrepublik, welche den Zeitgeist bestimmt. Nein, Honeckers Erben haben übernommen und in naher Zukunft werden Zensur und Überwachung unser Leben bestimmen.

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