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30.12.2011

08:00 Uhr

Henkel trocken

Der schwache Euro, das süße Gift für unsere Industrie

VonHans-Olaf Henkel

Deutsche Unternehmen ruhen sich auf dem schwachen Euro aus, um ihre Exporte an den Mann zu bringen. Kreativität und Produktivität geraten da ins Hintertreffen.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Die deutsche Exportindustrie ist auf Zack, aber die jetzt vom Handelsblatt und anderen deutschen Wirtschaftsredaktionen unisono gesungenen Lobeshymnen hat sie nicht ganz verdient. Sie übersehen: Der Euro ist zu stark für die Südländer und zu schwach für uns.

Dass der Euro für die „Südländer“ zu stark ist, zeigen die Auslastung der Hotels auf Rhodos, die Auftragsbücher der Mailänder Hersteller für Werkzeugmaschinen und der Automobilzulieferer in Valencia. Sie sind alle zu teuer geworden. Resultat: Tourismus und Export siechen dahin, überall schrumpft im Süden das Bruttoinlandsprodukt, sinkt die Zahl der Unternehmen, schmilzt die Steuerbasis. Dafür steigen dort Arbeitslosenraten und  Insolvenzen. Trotz aller Stabilitätsrhetorik schwillt die Staatsverschuldung in jedem dieser Länder weiter an. Auch nach dem anvisierten „haircut“ wird sie in Griechenland höher sein, als zu Beginn der Eurokrise. Eine erfolgreiche Umschuldung ohne gleichzeitige Abwertung hat es noch nie gegeben.  Frankreich verzeichnet in diesem Jahr eine viermal so hohe Neuverschuldungsrate wie Deutschland.

Von Griechenland bis Frankreich kann man inzwischen die Folgen einer „one-size-fits-none“-Währung besichtigen. Früher konnten diese Länder durch dosierte externe Abwertungen ihrer Währungen die Wettbewerbsfähigkeit erhalten.  In einer Einheitswährung ist das nicht mehr möglich. Dass diese Länder plötzlich in der Lage sein sollen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch „interne Abwertungen“, also durch Produktivitätszuwächse wiederzugewinnen, ist so unrealistisch wie die meisten Erwartungen unserer Euromantiker.

Nicht nur im Süden, auch im Norden kann man sehen, wie weit der Euro schon zu einer „one-size-fits-none“-Währung verkommen ist. Für die deutsche Industrie ist er längst zu schwach. Die Inflation ist auf dem Vormarsch, sie ist inzwischen höher als in den Ländern, deren Zentralbanken ihre Unabhängigkeit behielten, wie z.B. in Schweden oder der Schweiz. Langsam dämmert das den Konsumenten, bald auch den Rentnern und Arbeitnehmern.

Kommentare (11)

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freedom.fighter

30.12.2011, 09:24 Uhr

100% zustimmung herr henkel!

nivellierung geht immer nur nach unten. man kann nicht alle gleich wohlhabend machen. aber man kann alle gleich arm machen. und das ist ja offensichtlich das ziel der "sozialisten in allen parteien". letztere bringen aber natürlich ihre schäfchen rechtzeitig ins trockene, genauso wie ihre kumpanen aus den banken. die gleichheit in armut wird man den otto normalverbrauchern überlassen. aber diese haben ja die verantwortlichen politiker selbst gewählt und werden sie auch wieder wählen. das ist das schöne an der demokratie, da bekommt das volk genau das was es verdient...

Account gelöscht!

30.12.2011, 10:32 Uhr

Eine Analyse, die von großem Sachverstand zeugt.

Account gelöscht!

30.12.2011, 11:07 Uhr

"Das alles geht zu Lasten des Wohlstands in Europa, im Süden wie im Norden. Dafür ist er dann gleicher verteilt."

Ich weiss nicht, was man dagegen einzuwenden hätte.

Sicher. Für neoliberale Kapitalisten, die lieber überproportional an der Produktivitätssteigerungen profitieren wollen, wird hierbei in die falsche Richtung verteilt. Das muss Herr Henkel natürlich kritisieren.

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