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05.03.2012

12:23 Uhr

Henkel trocken

Die deutsche Elite versagt!

VonHans-Olaf Henkel

Politiker, Manager und Journalisten haben viel zu lange am Euro festgehalten. Inzwischen haben sie längst eingesehen, dass die Gemeinschaftswährung nicht funktioniert. Nur öffentlich zugeben will das niemand.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Das Maß an Realitätsverdrängung war eindrucksvoll: Als der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im vergangenen Sommer seine Jahrestagung abhielt, war von einer Pleite Griechenlands keine Rede. Stattdessen wurde in Anwesenheit des damaligen griechischen Premierministers Giorgos Papandreou ein Hochamt für den Euro, die industrielle Zukunft Griechenlands und weitere Rettungsmilliarden zelebriert. Bundeskanzlerin Angela Merkel assistierte dabei brav.

Und damit nicht genug: Deutsche und französische Management-Eliten setzen mit einer Anzeigenkampagne noch eines drauf – und warben offen für die Rettung des Euro.

Den Unterzeichnern der Großanzeige dürfte diese inzwischen peinlich sein. Mindestens einer von ihnen, Linde-Chef Reitzle, war so mutig, auch öffentlich von ihr abzurücken. Auch die damaligen Akteure der BDI-Veranstaltung sollten sich die Videoaufzeichnung der Inszenierung ihrer griechischen Komödie heute noch einmal ansehen. Aber es bleibt wohl dabei: einen Fehler zu wiederholen, ist nicht nur für Politiker leichter, als ihn zuzugeben.

Heute, 18 Monate später, sind sich die meisten Ökonomen, Wirtschaftsführer und Wirtschaftsredakteure in ihrer Diagnose für den Euro-Patienten einig. Sie haben eingesehen, dass der Euro selbst eine große Mitschuld an der Krise trägt, dass die niedrigen Einheitszinsen Politiker aus dem Süden zu neuen Schulden verleiteten, Spanien in eine Immobilienblase trieben und dass die „one-size-fits-all“-Währung allen Südländern die Möglichkeit genommen hat, mit Abwertungen ihrer eigenen Währung Anschluss an die deutsche Wettbewerbsfähigkeit zu halten.

Auch die Prognose für den Euro-Patienten wird von den Vertretern unserer Wirtschaftselite weitestgehend geteilt. Jeder gibt heute offen zu, was damals nur in kleinem Kreis gesagt werden durfte: Der Euro ist zu stark für die Griechen, und selbst wenn man ihnen alle Schulden erließe, hätten sie ohne Abwertung keine Chance, wieder wettbewerbsfähig zu werden. Bald kommt das dritte „Rettungspaket“, dann das vierte. Ob über das Gelddrucken in der EZB, im ESM oder einer mit falschen Etiketten versehenen Ausgabe von Euro-Bonds – kaum jemand bezweifelt noch, dass wir uns auf dem Marsch in eine Transferunion befinden.

Kommentare (66)

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Account gelöscht!

05.03.2012, 12:39 Uhr

der (totale) euro bringt frieden, zusammenschluss und wohlstand unter die völker europas (soweit die ideologie europas im 21jhd)

ich blicke mir sorge in die zukunft

Rapid

05.03.2012, 12:41 Uhr

Kennt man ja aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass deutsche Eliten es lieben und vorziehen immer haarscharf an der Realität vorbei zu sehen, ins Land der Illusionen und Träume, um sich dann allerdings in der unangenehmen Situation wieder zufinden, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, nach dem Realisieren nicht ganz unbedeutender Verluste, bei Stunde null abermals von vorne anfangen zu müssen. Scheint so eine Art Konstante in Psyche und dem Selbstverständnis deutscher "Eliten" zu sein.
Auszubaden haben diese Fehleinschätzungen dann allerdings andere.
Wenn man jedoch im Vorfeld Fehler eingesehen hat ohne sie zu berichtigen oder zumindest den Versuch unternommen hat, ist nichts anderes als Feigheit zu vermuten.

Dr.NorbertLeineweber

05.03.2012, 12:59 Uhr

Dr.NorbertLeineweber: Klar ist der Euro gescheitert. Aber mit ökonomisch brillanten Analysen kämpft man bestenfalls gegen Windmühlen. Es gibt Zeitungen, wie die FTD, da braucht man eine Kotztüte, um das zu lesen, was der Chefökonom von Gruner und Jahr propagiert. Leider wird von Journalisten die Stimmung gemacht, obwohl jeder ökonomisch Gebildete den Eindruck hat, dass die 6 Wochen Praktikum in der Buchhaltung gemacht haben, um dann über Weltökonomie zu schreiben. Und wenn man sich zu den unterirdischen Artikeln äußert und postet, wird das auch noch zensiert.
Das Niveau von Talk-shows ist noch schlimmer. Und Leute wie Prof. Sinn müssen sich auch noch beschimpfen lassen, von Leuten, die wahrscheinlich nicht einmal die Mittlere Reife haben.
Herr Prof. Henkel lesen Sie bitte Dr. Norbert Leineweber in: Mehr Markt weniger Staat, Norbert Walter (Hg.) 1993. Da steht alles drin. Lassen Sie uns eine Partei gründen !
Ich bin Mitglied CESifo / IIPF !

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