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03.06.2013

08:54 Uhr

Henkel trocken

Die „Euro-Schizophrenie“

VonHans-Olaf Henkel

Der Eurofanatismus, der angeblich von allen geteilt wird, ist ein Dogma. Man glaubt einfach, dass der Euro gut für Deutschland und Europa ist und die Gegner des Einheitseuros dumm, böse oder einfach lächerlich sind.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Beim Begriff Dogma erinnere ich mich an meine Zeit als Messdiener in Hamburg. An der St. Elisabeth-Kirche in Harvestehude lernte ich alles über Marias’ unbefleckte Empfängnis, und wie Jesus von den Toten auferstanden und gen Himmel gefahren sei. Ich staunte. Nicht dass es mir freigestellt gewesen wäre, diese Vorstellungen anzunehmen oder abzulehnen. Sie waren ein unantastbares Muss. Der Rotwein, den die Priester tranken, war echtes Blut Christi, die Hostie, die ich essen musste, sein wirkliches Fleisch. Allerdings wunderte ich mich, dass es nicht wie Fleisch, sondern wie Oblate schmeckte.

Heute wundere ich mich, dass unsere Politiker und führende Vertreter unsere Medien ihre Liebe zum Euro wie eine Hostie vor sich hertragen. Und wehe, einer sagt, es handle sich um ein Stück Selbstgebackenes, von dessen Genuss abgeraten werden muss. In fundamentalistischen Staaten wird umgebracht, wer einem Dogma den Glauben verweigert. Bei uns wird man nur mundtot gemacht.

Man büßt es, anderer Meinung über den Euro zu sein als die Kanzlerin und die Presse. Trotzdem höre ich auch von Kollegen aus der Industrie und lese in der Presse immer öfter kritische Worte über diese verzweifelten Rettungsmaßnahmen, die zugunsten der künstlichen Währung und zu Lasten der realen Steuerzahler gehen. Immer offener werden die Rettungsmaßnahmen kritisiert, durch die ganze Nationen in Geiselhaft genommen werden. Lautstark empören sich sogar Chefredakteure und „Edelfedern“ über die Kanzlerin und ihren Finanzminister - und „unter Vier Augen“ auch DAX-Vorstände - die diese fatalen Entscheidungen als „alternativlos“ verkaufen: „Schluss mit dem Milliarden-Wahnsinn der Bürgschaften!“ rufen viele in der Presse. „Schluss mit den immer gewagteren Versprechen, für andere Schulden abzutragen, für die man selbst Schulden aufnehmen muss!“ sagen andere in kleinen Kreisen. Das Entsetzen, welches der für den Süden zu starke Euro dort angerichtet hat, verbreitet sich auch bei uns immer mehr.

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Längst habe ich die Übersicht darüber verloren, wie oft der „Spiegel“ den Euro schon auf der Titelseite beerdigt hat. Aber seltsam – das, wofür gebürgt wird, genießt weiterhin den Schutz der Medien und der Öffentlichkeit: der Euro. Die Währung, die uns das Desaster gebracht hat, bleibt unantastbar. Alle, die in Sachen Rettungsschirme meiner Meinung sind, fügen am Ende des Gesprächs regelmäßig hinzu: „Aber der Euro soll bleiben.“

Der Euro soll also bleiben. Doch die Maßnahmen, die sein Überleben garantieren sollen, nicht. Offenbar ist keinem die Unlogik dieser Sichtweise aufgefallen. Die „Augen zu und durch – Logik“ unserer Euroretter ist zwar falsch, aber wenigstens in sich stimmig. Will man den Euro retten, muss man mehr oder weniger so handeln, wie sie es jetzt seit drei Jahren getan haben. Ohne unsere Bürgschaft von hunderten Milliarden Euro gäbe es längst keinen Euro mehr.

Die Kritiker aber, die den Euro zwar behalten, ihn aber nicht retten wollen, stellen die Logik auf den Kopf. Ich nenne das Euro-Schizophrenie.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor an der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (140)

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03.06.2013, 09:17 Uhr

Herr Henkel, SIe sprechen mir aus der Seele. Auch ich werde die AFD wählen, damit dieser Blödsinn endlich ein Ende hat.

hansblick

03.06.2013, 09:17 Uhr

'Man glaubt einfach, dass der Euro gut für Deutschland und Europa ist'

das glaube ich nicht mal. Die euro soll das super zentralistischen neuen superstaat..der USE erzwingen, vollkommen undemokratisch und gegen alle versprechungen die der politik uber jahrzehnt abgegeben hat.

der EURO ist so gar keinen währung es ist eine waffe und für die EU extremisten ist alles egal, arbeitslosigkeit, armut und unzufriedenheit so lang die ihren mystischen ziel erreichen und ich glaube die würden nicht mal vor gewalt sich abschrecken lassen.

das ist extremismus und muss gestoppt werden.

Account gelöscht!

03.06.2013, 09:21 Uhr

Wie neutrale Umfragen bestätigen, sind die große Mehrheit der Deutschen und der Europäer für den Erhalt des EURO.
Die USA möchten den Euro gerne zerstören, damit der Dollar wieder die einzige Weltwährung darstellt und sie ihre Schulden expotieren können.

Die gesamte Finanzkrise hat ihren Anfang mit den gefakten Hypothekenpapieren in den USA genommen. Die europäischen Staaten mussten sich deswegen überschulden um ihre Banken zu retten. Anschliessend die konzertierte Aktion der US-Ratingagenturen um die Zinslast der europäischen Staaten hoch zu drücken, usw..

Warum wird dieser unerhörte Vorgang nicht bei der AFD und diesem Kommentar berücksichtigt? Warum werden wegen der gefakten Hypotheken-Papiere keine Schadensersatz-Ansprüche an die US-Aufsichts-Behörden geltend gemacht?
Kein Mensch versteht das.

Die Menschen in Europa können die Finanzpolitik sicher nicht verstehen. Aber sie haben ein gutes Bauchgefühl und wissen, daß der Euro von existenzieller Bedeutung für uns Europäer ist. Und in ein paar Jahren hoffentlich auch für Russland. Dann haben wir die europäische Supermacht und die Anderen das Nachsehen.

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