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10.10.2011

10:09 Uhr

Henkel trocken

Euro-Retter in Panik

VonHans-Olaf Henkel

Kritik an der Euro-Rettung wird nicht gerne gehört. Doch langsam aber sicher scheint es dem einen oder anderen Euro-Retter zu dämmern, dass es an der Zeit ist, über Alternativen nachzudenken.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die deutschen Euro-Retter von heilloser Panik ergriffen sind, dann hat ihn Kanzleramtsminister Ronald Pofalla mit seiner unflätigen Kritik am Euro-Abweichler Wolfgang Bosbach erbracht. Schon vorher hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel seinem FDP-Konkurrenten Philipp Rösler Rechtspopulismus unterstellt, weil er sich nicht an das politisch korrekte Redeverbot zum Thema "geordnete Insolvenz Griechenlands" gehalten hat. Sogar innerhalb der FDP wurde der Euro-Kritiker Frank Schäffler erst systematisch isoliert und dann offen gemobbt.

Ich selbst durfte ähnliche Erfahrungen machen: der Zyniker vom Dienst bei den Grünen, Jürgen Trittin, nannte mich einen "Chauvinisten". Selbst einer meiner Nachfolger an der Spitze des BDI bezeichnete Kritiker des derzeitigen Eurokurses, mit offensichtlichem Blick auf mich, als "Populisten auf Stimmenfang". Einen Hinweis darauf, bei wem meine von den meisten bisher noch als "exotisch" angesehenen Vorschläge zur Euro-Politik populär sind, blieb er  genauso schuldig, wie darauf, wessen Stimmen ich wohl für was fangen wollte.

Dass unseren Rettern des Euro, "koste es (wen wohl?), was es wolle", endgültig die Nerven durchzugehen drohen, konnte man an der Kritik unserer Parteiapparatschiks am Bundestagspräsidenten Norbert Lammert ablesen. Er hätte den Kritikern des EFSF-Rettungsschirmes das Rederecht nicht geben dürfen, meinten sie.

Wie die Euro-Retter mit ihren Kritikern umgehen, erinnert mich an frühere persönliche Erfahrungen mit Positionen, die dem bei unserer Elite herrschenden Zeitgeist widersprechen, auch an solche aus nicht allzu ferner Geschichte. Müssen wir bald in den Untergrund oder ins Exil gehen?

Da den Euro-Rettern zunehmend nicht nur das Geld für ihre Rettungsschirme, sondern auch noch die Argumente für ihr "weiter so"  ausgehen, entwerfen sie immer neue Schreckenszenarien, schüren Ängste ("Kernschmelze" macht sich im Jahr von Fukushima besonders gut), bedrohen und beleidigen ihre Kritiker. Das Ziel ist klar. Sie wollen eine Diskussion über Alternativen zum derzeitigen Euro-Kurs von vornherein abwürgen. Da das nur eine Weile funktionieren konnte, mussten sie die nächste Stufe der Rakete zünden, die die Ausgrenzung und Isolierung Andersdenkender zum Ziel hatte. Da dadurch partout "keine Ruhe im Karton" hergestellt werden konnte, kommt jetzt die nächste Stufe, die der Verunglimpfung - siehe oben.

Ich bin gespannt, wie lange an dieser Spirale noch gedreht werden kann, ohne dass unsere Demokratie ernsthaften Schaden nimmt. Auch die deutschen Medien haben sich bisher nicht mit Ruhm bekleckert. Im Gegensatz zur ausländischen Presse, die intensiv und ohne  auferlegte Selbstzensur über Alternativen diskutiert, werden bei uns die Kritiker des "One-Size-Fits-None-Euro" von fast allen Vertretern der Medien als Populisten, Außenseiter und bestenfalls Naïvlinge beschrieben. 

Kommentare (18)

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rentforter

10.10.2011, 11:45 Uhr

Bravo Herr Prof. Henkel! - Danke Handelsblatt!
Der Entwurf des "Nordeuro" könnte auch für andere EU-Staaten attraktiv werden, welche damals so klug waren und nicht beigetreten sind.

Danke an das Handelsblatt, welches m.E. bislang keine Kommentare löscht, wie die meisten anderen Medien.

Ferner begrüße ich die wesentlich kritischere Haltung gegenüber der sog. alternativlosen Politik unserer pol. Klasse.
Die weitgehend gleichgeschalteten Mainstreammedien (Entschuldigung) kotzen mich an. Falls sich jemand erinnert: Wir hatten schon mal gleichgeschaltete Medien.

Fortunio

10.10.2011, 11:47 Uhr

Eine EU und in dieser EU zwei Währungszonen, einen Nord-Euro und einen weicheren abwertungsfähigen Süd-Euro, das ist die Alternative zu dem problembehafteten Einheitseuro, wie er sich jetzt präsentiert.
Das gegenwärtige Drama besteht darin, dass die europäische politische Elite den Euro ansieht als ein "politisch-religiöses" Dogma, so wie die katholische Kirche die Jungfrauengeburt. An diesem Dogma zu rütteln würde sie in eine tiefe Glaubenskriese stürzen, die sie sich nicht zumuten kann oder will aber früher oder später dennoch zu durchlaufen hat.
Ganz pragmatisch spricht überhaupt nichts gegen zwei Währungszonen in einem politischen Gebilde wie der EU.
Im Verbund mit den Ländern, die eh bei ihren nationalen Währungen bleiben wie UK, Schweden, die tschechische Republik und andere ist das die klassischen Dreiteilung einer jeden gesunden Korporation und allemal besser als eine aufgezwungene "Einheit", die nur nachteilig für alle Beteiligten ist.
Übrigens als kleine Anmerkung, auch China hat zwei Währungszonen, den Hongkong-Dollar und den Yuan.

Baier

10.10.2011, 11:56 Uhr

man muss sich nur Merkels und Sarkozys Mimik beim jüngsten Zusammentreffen vor Augen halten, dann spürt man die Panik. Das wäre an für sich entschuldbar und verständlich angesichts der aktuellen verfahrenen Euro-Diskussion. Aber dass man Alternativen nicht diskutiert und Andersdenkende verunglimpft, das ist das eigentlich Beunruhigende. Henkel und die grosse Mehrzahl der Wirtschaftsfachleute wie auch der Bevölkerung steht mittlerweile dem EURO kritisch gegenüber. Langfristig kann man nicht dagegen anregieren.

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