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23.07.2012

11:17 Uhr

Henkel trocken

Falsche Treue, oder: Der Euro ist nackt

VonHans-Olaf Henkel

Ob in der Politik, der Wirtschaft oder in der Presse, eine eigene Meinung ist von ungeheurer Wichtigkeit. Die Euro-Krise zeigt jedoch, dass eine eigene Meinung für den einzelnen nicht immer von Vorteil ist.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Die Beschreibung der Schweigespirale haben wir der „Pythia vom Bodensee“, Frau Professor Noelle-Neumann, Begründerin des Allensbacher Instituts für Demoskopie, zu verdanken. Mit ihr beschrieb sie ein Dilemma: Je offensiver die Vertreter der Mehrheitsmeinung vorgehen, desto weniger bringen andere den Mut auf, eine abweichende Meinung zu vertreten. Dass die Schweigespirale auch unter den Kritikern der Europolitik wirkt, kann man jetzt beobachten. Zwar kritisieren Wirtschaftsjournalisten immer öfter die Rettungsaktionen der Bundesregierung, und die Gruppe der Kritik übenden Ökonomen wird auch immer größer, aber am Einheitseuro halten sie in unverbrüchlicher Treue fest. „Wichtiger als das eigene Urteil ist dem Individuum, sich nicht zu isolieren... diese Furcht, sich zu isolieren (ist) ...Bestandteil aller Prozesse öffentlicher Meinung...“ (Noelle-Neumann, 1979). Das gilt ganz besonders für deutsche Chefredakteure, Ökonomen und Bundestagsabgeordnete.

Wer in Deutschland den Euro in Frage stellt, isoliert sich. Zwar gibt es unter den Kritikern inzwischen nicht nur bei der Diagnose für den Europatienten eine zunehmende Konvergenz; auch in ihrer Prognose findet man immer öfter Übereinstimmung. Man ist sich einig: Uns drohen höhere Steuern, steigende Inflation und irgendwann mal der große Knall. Fragt man diese Kritiker jedoch nach einer alternativen Therapie, hört man fast nur von Rezepten, die beim Europatienten bisher schon nicht angeschlagen haben oder die er sich partout nicht verschreiben lassen will: „Zurück zu Maastricht“, „Fiskalische Disziplin“, „Kein Bailout“ usw.

Während immer öfter Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten bei Diagnose und Prognose aus der Schweigespirale ausbrechen, verharren sie dort, wenn es um das Verschreiben echter alternativer Therapien geht. Überzeugend beschreiben sie, welche verheerenden Wirkungen die vielen Rettungspakete haben, wie sehr der ESM die Demokratie aushöhlt, welches Maß an Zwietracht der Euro innerhalb der Eurozone auslöst und wie sehr er den Graben zwischen den Euroländern und Nichteuroländern verbreitert. Aber gleichzeitig versichern sie mit treuherzigem Augenaufschlag, wie sehr sie doch für den Erhalt des Einheitseuros seien. Dabei müssten doch alle wissen: Ohne die von ihnen beanstandeten Rettungspakete wäre der Euro längst Geschichte.

Kommentare (51)

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23.07.2012, 11:44 Uhr

Das Fatale ist ja, das für den EURO jede Moral, Anstand und alle politischen Werte über Bord geworfen werden.

Der Schaden, den das Ansehen von Politik bei den Völkern Europa erleidet ist garnicht wieder zu reparieren.

Willkür und Chaos sind an der Tagesordnung. Darum weg mit dem EURO. Er bringt Europa nur Unterdrückung und Leid.

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23.07.2012, 11:51 Uhr

Nachdem die Euro-„Retter“ in der Volkskammer gerade wieder alternativlos das 100-Milliarden-Rettungspaket für Spanien durchgewunken haben, ist von denen kaum Einsicht zu erwarten. Die werden ihren Wahn bis zum Endsieg verteidigen.
Es bleiben also als Ausweg nur zwei Möglichkeiten:
Entweder erzwingt die „öffentliche Meinung“ ein Ende des Irrsinns oder die „Märkte“ über untragbare Zinsen. Beides ist derzeit leider noch nicht akut.
Und wenn der ESM demnächst doch noch passieren sollte und die EZB voraussichtlich ohne Limit Anleihen von Pleitebanken und Pleitestaaten aufkaufen wird, kann das Euro-Elend noch eine Weile so weitergehen.
Leider bezahlt das alles der Normalbürger über höhere Steuern und Geldentwertung.
Und der Schaden wird mit jedem Tag größer.

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23.07.2012, 11:56 Uhr

Es ist verständlich, dass kein Politiker oder Wirtschaftsfachmann öffentlich ein zweiter Sarrazin sein möchte, weil man Sarrazin die Bedeutung "nicht angepasst, undiplomatisch, angreifbar" gegeben hat. Nur ein Rentner oder unabhängiger Privatunternehmer möchte sich leisten, von öffentlicher Wertschätzung ausgeschlossen zu sein, weil Deutsche nun mal tief verunsicherte Menschen zu sein scheinen, die an der sog. öffentlichen Meinung hängen wie Fische am Wasser, um überleben zu können.
Daher scheint es kaum jemanden zu geben, der sagt: WIR MÜSSEN ZURÜCK ZUR DM ...genau wie es sogar unter Hitler oder unter Honnecker nur wenige Sarrazins gegeben hatte, die isoliert die politische Richtung nicht ins Wanken bringen konnten. Das volksverachtende Manöver der Regierung wird zwar immer ein wenig weniger schlimm mit den Jahrzehnten, trotzdem spürt man doch deutlich die Schatten vom 3. Reich und vom DDR System, wie sich Poliltiker hierzulande über die Bedürfnisse der Menschen hinwegsetzen und fanatische Ideen immer wieder geboren werden. Diesmal ist es nicht Stalingrad sondern der Euro.

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