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13.02.2012

10:37 Uhr

Henkel trocken

Freiheit oder Gleichheit?

VonHans-Olaf Henkel

Betrachtet man Deutschland mit den Augen eines Deutschen, der über die Hälfte seines beruflichen Lebens in allen möglichen Ecken der Welt verbracht hat (New York, Kalkutta, Colombo, Paris usw.), wird man besonders sensibel für die Besonderheiten seines Heimatlandes.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Mir wird zum Beispiel immer deutlicher, dass es bei uns immer weniger Advokaten für mehr Freiheit gibt, aber eine Armee von beauftragten und selbsternannten Anwälten für mehr Gleichheit. Selbst die „liberale“ FDP hat ihre Grundsätze, die mal hießen: „Selbstverantwortung statt Vergemeinschaftung“, „Subsidiarität statt Zentralismus“ und „Wettbewerb statt Harmonisierung“ in ihrer Europolitik über Bord geworfen. Kein Wunder, dass man mit Fug und Recht von der Sozialdemokratisierung der deutschen Politik sprechen kann.

Erinnern Sie sich noch?  „Mehr Freiheit wagen“ war mal das Leitmotiv Angela Merkels in ihrer ersten Rede als frisch grewählte Bundeskanzlerin im Bundestag. Inzwischen kassierten sowohl Angela Merkel und ihre Sozialpolitiker als auch die Sozialdemokraten alle Versuche in Richtung von mehr Freiheit zugunsten von mehr Gleichheit wieder ein.

Freiheit kommt in Reden deutscher Politiker kaum noch vor. Nun mag man fragen, wieso sich auch der Begriff „Gleichheit“ eher selten in Reden und Aufsätzen unserer politischen Führung findet. Bei uns hat sich dafür ein Begriffspaar durchgesetzt, welches in kaum einer Rede deutscher Politiker fehlt: die „soziale Gerechtigkeit“. Ich muss gestehen, mir ist dieses Begriffspaar zutiefst zuwider.

Die Verknüpfung von „sozial“ mit „Gerechtigkeit“ ist unnötig, „Gerechtigkeit“ würde genügen. Ist nicht Gerechtigkeit von vornherein nur in einem sozialen Kontext möglich? Stellen Sie sich vor, Sie wären allein auf einer Insel. Wonach würden Sie sich sehnen? Vielleicht nach einem Partner oder einer Partnerin, einer eiskalten Coca-Cola, einem Boot oder dass Ihnen eine weitere Kokosnuss von oben in den Schoß fällt. Aber doch nicht nach Gerechtigkeit! Erst in einem sozialen Kontext macht der Wunsch nach Gerechtigkeit überhaupt Sinn. Schon deshalb sollte dieser Begriff ohne weiteres Adjektiv genügen.  

Kommentare (18)

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whoknows

13.02.2012, 10:55 Uhr

Kein Zweifel, ich wähle die Freiheit.
Mir fällt es aber auch leicht, da ich die Unfreiheit persönlich erlebt habe. Wer die Unfreiheit nicht erlebt hat, kann den Wert der Freiheit gar nicht einschätzen.

Das Problem sind aber auch die Medien, die von den Politikern für jedes Problem, auch wenn es eigentlich im privaten Raum ist, eine staatliche Lösung verlangen.

milo

13.02.2012, 11:06 Uhr

Hallo Herr Henkel,

bin sicher damit einverstanden, Gerechtigkeit kann es nur in einem intaktem sozialem Gefuege geben. Nur, wenn ich mir Deutschland aus meiner Perspektive anschaue, ich schaue aus dem Ausland auf Deutschland, bin eine der Spezies die einen grossen teil seiner beruflichen laufbahn fuer deustche Unternehmen im Ausland zugebracht ahben, dann sehr ich mit Sorgen, das der Ehrhardsche Begriff der sozialen Marktwirtschaft seine Sozialkomponente verloren hat. Daher wohl die Suche nach einem neuen begriff, der sozialen gerechtigkeit. Es ist ja wohl unbestritten, die Bedingungen sind ungleicher geworden. Die Reformen der Sozialsysteme sind sicherlich notwendig gewesen, fatal ist, das man gleichzeitig mit den Liberalisierungen der verschiedensten Maerkte die Sozialkomponente aus der Marktwirtschaft gestrichen hat. Das System ist damit aus der Gerechtigkeitsbalance, und dies werden sie nicht bestreiten, hier ist Besserungsbedarf. Noch eine Anmerkung, ich lebe und lebte in Laendern, die weit weniger Gerechtigkeit haben, USA, China, Indonesien, Thailand, aber alle haben zumindest den Versuch eines Mindestlohns. Mit Ausnahme der USA haben diese Laneder aber auch noch Strukturprobleme der grundsaetzlichen Art, politisch, gesellschaftlich und sozial, die Deutschland nicht hat, trotzdem laeuft Deutschland Gefahr, die Gerechtigkeit zugunsten der angeblich so reinen Marktwirtschaft aufzugeben.

Koboldo

13.02.2012, 11:20 Uhr

Lieber Herr Henkel,
Sie sollten sich besser um das Thema Griechenland bemühen, denn als Privilegierter dieser Gesellschaft haben Sie für mich bei den Themen Sozialstaat und Gerechtigkeit ein Glaubwürdigkeitsproblem und wohl auch etwas die Bodenhaftung verloren. Schon beim Thema Mindestlohn haben Sie in einer Fernsehdiskussion einen Stundenlohnsatz von 3 € für durchaus akzeptabel gehalten. Schon Ihr unzutreffender Vergleich, dass 10% der Einkommensteuerpflichtigen mehr als 50% der Einkommensteuer tragen, spricht Bände, denn es ist nicht nur eine Milchmädchenrechnung, sondern schlicht eine Verschleierung der Tatsache, dass ein normal verdienender Arbeitnehmer eine weitaus höhere prozentuale Abgabenlast zu tragen hat und deshalb in der Masse mehr zum Staatshaushalt beiträgt, als jeder Einkommensmillionär, der zudem viele Möglichkeiten hat, seine Abgabenlast zu steuern. Reden Sie also bitte nicht von Gerechtigkeit, weder in steuerlichem noch in juristischem Sinn!

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