Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.10.2012

15:07 Uhr

Henkel trocken

Globalisierung erzwingt ein föderales Europa

VonHans-Olaf Henkel

Die Globalisierung taugt nicht zur Begründung eines europäischen Zentralstaats. Viele Beispiele belegen eine gestärkte regionale Identität, auch aus Deutschland. Man muss sich nur einmal auf dem Oktoberfest umschauen.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Düsseldorf
Als Nebenprodukt diverser Euro-Rettungspakete soll aus dem Europa der Vaterländer ein Vaterland Europa werden. Zur Begründung wird immer wieder etwas aus den folgenden Argumenten bemüht.

Die taktische Begründung: Um den Euro zu retten, brauche man mehr Zentralismus, mehr Solidarität und mehr Harmonisierung. Diese Logik lässt sich schwerlich bestreiten. Dass dadurch langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone auf der Strecke bleibt, wird ignoriert oder in Kauf genommen.

Die historische Begründung: Ein durch den Euro erzwungenes gemeinsames Europa sichere den Frieden. Dass der Euro Zwietracht innerhalb der Eurozone anrichtet und den Graben zwischen Euroländern und Nichteuroländern stetig verbreitert, lässt sich schon lange nicht mehr leugnen.

Die strategische Begründung: Um sich den Herausforderungen der Globalisierung stellen zu können, müssten die europäischen Länder zu einer größeren Einheit zusammenrücken. An dieser Behauptung stimmt nur, dass ein möglichst großer Binnenmarkt die wichtigste Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand ist. Schweden, Dänemark oder Tschechien können sich mit einer eigenen Währung in der Globalisierung sogar besser behaupten. Selbst die Nicht-EU-Länder Norwegen und die Schweiz können es.

Nicht nur Euro-Rettung und Friedenssicherung, auch die Globalisierung taugt nicht zur Begründung eines europäischen Zentralstaats. Die Protagonisten müssen entweder blind, taub oder ideologisch verbohrt sein. Wie sonst könnte ihnen entgehen, dass die Globalisierung überall auf der Welt immer öfter zur Ablehnung von Zentralismus, dafür aber zu mehr Identifikation mit der eigenen Region führt?

Eine gestärkte regionale Identität belegen viele Beispiele auch aus unserem Land. An meinem zweiten Wohnsitz, in Konstanz, gab es früher ein zentrales Weinfest, heute gibt es eins in jedem Stadtteil. Als ich vor 40 Jahren zum ersten Mal auf dem Oktoberfest war, trugen nur die „Zenzies“ Trachtenkleidung. Heute tanzen dort auch die meisten der Zugereisten in Dirndl und Lederhosen auf den Bänken. Kaum vorstellbar dagegen, dass man sich je für ein Fußballspiel „Eurozone vs. Uruguay“ interessieren wird. Überall in der Welt kann man registrieren: Mit zunehmender Globalisierung steigt das Bedürfnis nach regionaler Identifikation, nach „Heimat“.

Auch die Wirtschaft reagiert auf die Globalisierung anders als die Politik. Anfang der 90er Jahre war ich Präsident der IBM Europa mit einer Hauptverwaltung von 2.000 Leuten in Paris. Heute spielt Europa bei den „Global Players“ keine Rolle mehr. Sie sind weltweit organisiert, dafür lassen sie ihre Kunden auf nationaler Basis betreuen. Kein Bayer, Nestlé oder Continental kommt noch auf die Idee, in Brüssel oder anderswo eine Verwaltung für ihr europäisches Geschäft einzurichten. Die IBM Europa gibt es nicht mehr.

Dass die Globalisierung auch politisch nicht Zentralismus sondern Föderalismus befördert, kann man an den aktuellen Nachrichten über die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien, Schottland und das Wiedererwachen der Sezessionisten in Südtirol leicht erkennen. In Quebec haben die Wähler gerade für eine Ministerpräsidentin gestimmt, die sich die Unabhängigkeit dieser französisch sprechenden Provinz auf die Fahnen gehaftet hat.
Nicht nur die UDSSR, Jugoslawien und die CSSR haben gezeigt, dass ein ideologisch (bei uns mit dem Euro) begründeter Zusammenschluss kulturell unterschiedlicher Regionen gefährliche zentrifugale Fliehkräfte entwickelt.

Für Europa kann die Konsequenz aus der Globalisierung nur heißen: Auch wenn es die Aufgabe des Einheitseuros bedeutete, wir brauchen ein föderales und kein zentralstaatliches Europas. Um des lieben Friedens willen!

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

AlleAchtung

08.10.2012, 15:28 Uhr

..wir brauchen zudem ehrliche und fähige Richter/Gerichte, Staatsanwälte, Rechtsanwälte und Polizisten sowie eine von der Politik und Wirtschaft getrennt, jedoch funktionsfähige Gewaltenteilung! Sonst wird das mit einem Staat wie Deutschland und auch anderen Mafiosis in der EU sowieso nichts mehr. Egal wer da oben den Mist verbockt - er gehört gehörig bestraft. Ansonsten haben Sie wie oft in den letzten Wochen recht, Herr Henkel. Ich bin verwundert, welch Wandelung Sie vollzogen haben. Kennen Sie übrigens schon die Flick-Doku von Arte? Falls nicht, dringend anschauen - dort liegen vielen Fehler offen am Tageslicht. Grüßle

Account gelöscht!

08.10.2012, 15:38 Uhr

Ich bin für eine Wirtschafts-Föderation "USA, Europa, Russland". Also eine Sonderhandels-Zone. Wirtschaft, Konsum, Rohstoffe haben wir in diesem Rahmen genug.

Das ist zwar Protektionismus, aber das überhitzte Wachstum und ungebremste Eindringen in unseren "westlichen Wirtschaftsraum+Russland" hat auf beiden Seiten riesigen Schaden angerichtet.

Also gesteuerter Protektionismus und Re-Industrialisierung in einer abgegrenzten Zone "USA, Europa, Russland" wäre zu gefürworten und hätte schon vor 10 Jahren eingerichtet werden sollen.

Das Wachstum des Emerging-Markets hatte Züge wie ein Krebsgeschwür mit den Nachteilen: verdreckte und ausgebeutete Umwelt und Schaden der legacy-Industrien im Westen.

Die Re-Industrialisierung in Europa ist ein Super-Gedanke, ich hoffe nur, sie wird nicht teuer und sinnlos in Süd-Europa aufgebaut als Konkurrenz zu Nord-Europa. Re-Industrialisiert gleich Nord-Europa ! Da gehört sie hin ! Die neue entwickelte Industrie wird dann später wieder exportiert in die Schwellen-Länder um Effizient und Schadstoff-Reduktion zu bewirken.

Und ein föderales Europa ohne Macht-Krake in Brüssel brauchen wir. Sehr richtig ! Die Vielfalt der Interessen in gesunder Konkurrenz und Freiheit, das treibt Europa voran. Barroso und van Rompuy stehen genau für das falsche Europa, das nur Schaden anrichtet mit seiner Machtfülle und Lobbyismus.

Joker1

08.10.2012, 16:06 Uhr

Wieso kommen diese Eräuterungen so spät ?
Der geschilderte Sachverhalt ist seit langem bekannt.
Nur unsere Politchaoten sind nicht fähig, die Tatsachen
zu akzeptieren.
EU JA, WÄHRUNGSUNION NEIN!
Man kann 27 fast völlig unterschiedliche Kulturen und
Volkswirtschaften mit fast genausovielen Sprachen und
noch mehr Dialekten nicht unter einem Zentralstaat vereinen.
Die Konsequenz ist schon seit Jahrtausenden bekannt:
1 fauler Apfel unter 100 gesunden, macht den faulen nicht
gesund, sonder 100 krank und kaputt.
Die Währungsunion wahr Betrug am Deutschen NORMALBÜRGER
dess Einkommen und Ersparnisse durch den Einführungskurs
von: 1: 1.95583, halbiert wurden Die Einkommen der Polit-
Bankster- und Großindustrie- u. handelskasten (Bimbesquellen) sind angepasst worden.
Die Mär vom stabilen Euro ist der dreisteste Betrug.
Wir haben keine Preissteigerungsrate seit Euroeinführung
von 2% sondern von mind. 50-70 v.H.
Das Volk wird verarscht und für doof verkauft.
Immer nach dem Motto: seelig sind die Bekloppten, denn Sie
brauchen keinen Hammer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×