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31.10.2011

10:42 Uhr

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

In der letzten Bundestagsdebatte sprach Kanzlerin Angela Merkel nicht von "Alternativlosigkeit". Anscheinend war ihr das Risiko, dass "alternativlos" zum zweiten Mal hintereinander zum Unwort des Jahres gewählt werden könnte, zu hoch. Sie sagte stattdessen, dass ihr eine bessere Alternative nach Prüfung aller Möglichkeiten nicht vorliege. Ich wette, sie hat nicht eine prüfen lassen. Warum auch, ist doch der jüngste „Eurorettungsgipfel“ von den meisten unserer euromantischen Journalisten mehr bejubelt worden als seine 16 Vorgänger. Doch auch mit diesem „großartigen Erfolg“ wurde nur Zeit gekauft.

Die von der Bundesregierung monatelang völlig in Abrede gestellte Umschuldung Griechenlands widerspricht jeder Erfahrung, dass dadurch das Land saniert werden könnte. Nicht nur stellt sich der 50%ige "haircut" der griechischen Schulden bei näherer Betrachtung in Wahrheit als ein eher 20%iger "Haarschnitt" heraus, er bringt auch nichts. Die Verschuldung ist jetzt immer noch so hoch wie zu Beginn der Griechischen Tragödie und nichts hindert die Griechen daran, wieder neue Schulden aufzunehmen. Es gibt kein Durchgriffsrecht auf griechische Budgets. Es gibt keinen Automatismus von Sanktionen, den hatte Merkel ihr französischer Amtskollege Nicholas Sarkozy längst ausgeredet.

Es gibt aber auch die von Frau Merkel im Bundestag geforderte "Firewall" nicht. Warum sollte es sie geben? Hatte die Kanzlerin nicht selbst die "No-Bail-Out-Klausel", also die Brandmauer zwischen deutschen Steuerzahlern und ausgabefreudigen Politikern anderer Länder, eingerissen? Stattdessen müssen die Vertreter der „Troika“, die „Aufpasser“ des IWF, der EU und der EZB, jetzt nicht mehr nach Athen reisen, um nach dem Rechten zu sehen. Sie werden jetzt permanent in Athen residieren. Was für eine lächerliche Gegenleistung für das eingegangene Risiko einer Bürgschaft von 211 Milliarden Euro, ein Risiko, welches durch die „Hebelung“ noch einmal vervielfacht wurde! Schließlich liefert diese Umschuldung auch ein schlechtes Beispiel. Warum sollen portugiesische Politiker jetzt, und italienische Politiker später, nicht auch auf dieses Ventil zurückgreifen, wenn ihnen die Proteste auf der Straße zu laut werden und die Wähler weglaufen?

Was alle Euroretter unter den Tisch fallen ließen und meines Wissens nicht einer der in ihrer Verteidigung des Einheitseuros vereinten deutschen Wirtschaftsjournalisten angemerkt hat: es hat noch nie in der Geschichte der über 100 Umschuldungen - einschließlich der von Argentinien und Russland - auch nur einen Fall gegeben, in dem das betroffene Land ohne Abwertung wieder aus der Misere herausgekommen wäre. Die ist in einer Einheitswährung aber nicht möglich. Folglich wird der Textilunternehmer in Athen, der Hotelier auf Rhodos, die Reederei in Piräus durch diese Umschuldung nicht einen Deut wettbewerbsfähiger. Griechenland muss bald wieder zum Friseur.

Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor am Lehrstuhl Internationales Management der Universität Mannheim. Bekannt wurde der langjährige IBM-Manager vor allem als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Kommentare (6)

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31.10.2011, 11:02 Uhr

Sehr geehrter Herr Henkel,
Ihre Analyse ist wieder einmal durchaus zutreffend, mir fehlt jedoch ein Hinweis von Ihnen, wann das Warten auf konstruktive Einsichten bei Merkel ein Ende haben soll. Möglicherweise bewahrt ja GB mit seiner Verweigerung des EFSF/ESM Deutschland vor der historisch größten politischen Fehlleistung aller Zeiten. Sich darauf zu verlassen, kann jedoch nicht Handlungsmaxime bleiben. Deutschland braucht eine neue politische Partei, die für die Bewahrung deutscher Zukunftsfähigkeit kämpft. Geben Sie uns die Hoffnung zurück mit einer Alternative.

Radek

31.10.2011, 13:19 Uhr

Nun ja, es sind eben zweierlei Dinge Zustandsbeschreibung von Politik zu machen, die den berühmten Nagel auf den Kopf treffen und Politik zu machen. Mit Hintergrundgesprächen auf Entscheidungsträger einzuwirken, kann ein Weg sein. Als Lektüre dazu sei empfohlen: Carl Schmitt, Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber.

j.v.

01.11.2011, 10:49 Uhr

lieber hans- olaf henkel
ich denke wie sie - und schreibe das auch an politiker und in leserkommentaren. was nützt es? politiker, presse aber auch die wirtschaftsverbände waren m.e. noch nie so konform und stomlinienförmig auf correctness ausgerichtet wie heute. ich befürchte oft aus menschlicher bequemlickeit: denn wer seine meinung gegen den mainstream verteidigt, muß kämpfen und wird ausgegrenzt- siehe bosbach aber auch sie selbst: es ist eine schande und alles andere als demokratisch korrekt,wie kontroverse meinungen bereits in talk-shows von sehr begrenzten aber dafür um so besser verdienenden abgewürgt und deren vertreter in eine außenseiterrolle gedrängt werden.
gründen sie eine partei oder bringen sie die FDP dazu diese mindestlohn- cdu in der koalition zu verlassen.

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