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19.03.2012

12:58 Uhr

Henkel trocken

Journalistische Doppelmoral

VonHans-Olaf Henkel

Während Politiker wie Christian Wulff sich jeglicher Art der Vorteilsnahme verwehren müssen, scheint dieser Grundsatz beim Presserabatt für Journalisten nicht gegeben. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Hans-Olaf Henkel – Henkel Trocken. Hans-Olaf Henkel, geboren 1940 in Hamburg, ist Autor und Honorarprofessor

Ohne die „Vierte Gewalt“, welche indirekte oder direkte Korruption von Politikern ans Licht bringt, recherchiert und skandalisiert, würde niemand den anderen drei Gewalten die Zähne zeigen. Allerdings zeigt die Causa Wulff, dass sich die deutsche Presse nicht nur zur „Dritten Gewalt“, der Judikative, aufgeschwungen hat; sie praktiziert längst selbst, was sie anderen vorwirft.

Eine an die Affäre um Christian Wulff erinnernde Art von Korruption in der Presse eröffnet sich jedem, der den Begriff „Presserabatt“ googelt. Verglichen mit den behaupteten Vergünstigungen, die der damalige Ministerpräsident Wulff in Anspruch genommen haben soll, erfüllen die Rabatte, Schnäppchen und Sonderkonditionen, die von den Saubermännern und Sauberfrauen der deutschen Presse in Anspruch genommen werden, schon längst den Tatbestand der Vorteilsnahme.

30 Prozent Ermäßigung auf Autoversicherungen für Journalisten? Kein Problem für Gerling! 15 Prozent Ermäßigung auf den neuen Audi? Fliegen mit Condor zum halben Preis? 15 Prozent Rabatt bei der Telekom? Schnäppchen bei B & O oder Sony? Nur, wenn Sie einen Presseausweis haben.

Zwar würden diese Firmen nie zugeben, dass sie sich von den mit Sonderkonditionen bedachten Journalisten eine wohlwollende Berichterstattung erhoffen. Natürlich würde kein Journalist je gestehen, eine solche erbracht zu haben. Aber Einflussnahme ist meist subtil. Wenn ein Ministerpräsident durch die Annahme eines für seinen Berufszweig gerechtfertigten vergünstigten Kredit einer Bank korumpiert werden kann, müsste das doch für die Vertreter der „Vierten Gewalt“, die einen Sonderrabatt auf ihre Versicherungen oder Flüge bekommen, genau so gelten. Zu Recht wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass die Politiker darauf achten müssen, dass sie nicht einmal den Anschein von Beeinflussbarkeit erwecken. Für die Vertreter der „Vierten Gewalt“ gilt das nicht?

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

19.03.2012, 13:35 Uhr

Nicht zu vergessen die 20% Journalistenrabatt auf Reisen. Wird dieser "geldwerte Vorteil" versteuert? Eher nicht. Fragen Sie mal alle Reiseverkehrskaufleute, die dank unglaublicher Pressekampagnen der letzten Jahre wirklich jeden Euro Reisepreisnachlass vom Arbeitgeber automatisch versteuern lassen müssen.

Wolf

19.03.2012, 13:41 Uhr

Herr Henkel, das ist seit langem ein guter Beitrag.
Neben den von Ihnen geschilderten "Vorteilsnahmen" sind auch andere "Vergünstigungen" bekannt. So lassen sich die Damen und Herren Journalisten gerne von Jahrestreffen grosser Industriezweige einladen. Diese zum Teil internationalen Jahrestreffen finden an den ausgesuchtesten Plätzen der Erde, meist über 3 bis 5 Tage statt. Auf "Einladung" der jeweiligen nationalen Industrie reisen die Damen und Herren dann kostenlos an und nächtigen natürlich in den gleichen Hotels wie die Manager. Auch an der Hotelbar lässt man sich dann - zwecks tiefgreifender Gespräche - gerne zu einem oder auch mehreren Getränken einladen. Da werden dann "Botschaften" übergebracht, in der zumeist auch erfüllten Erwartung, dass die Berichterstattung die Position und die Erwartungen an die politischen Mandatsträger wiederspiegelt. Wenn sich die Politik dann gegenteilig verhält werden nicht selten auch Kommentare der Journalisten nachgeschoben die der Politik fehlendes Verständnis oder Unvermögen unterstellen. Das ist gekaufter Lobbyismus erster Qualität. Und diese Herrschaften fallen z.B. über einen Wulff her, der vermutlich einige Tage kostenlos auf Sylt übernachtet hat. Bei aller z.T. berechtigten Kritik am Verhalten von Herrn Wulff bleibt festzuhalten, dass die Summe des Fehlverhaltens "Pillepalle" im Vergleich zu den vielfältigen Vergünstigungen der Journallie ist.
Mich persönlich kotzen die selbsternannten Moralapostel mittlerweile an. Im persönlichen Gespräch buckeln, möglichst noch gemeinsames Foto schiessen um am nächsten Tag Formulierungen wie z.B. "Bundesmutti" "die Merkel" usw. unters Volk zu mischen. Brauchen wir uns dann über Politikverdrossenheit zu wundern, wenn auch die so klugen Rechtsstaatsbewahrer in ihrer "Oberaufsicht" jeglichen Respekt vermissen lassen?

Idee

19.03.2012, 14:18 Uhr

..ich schlage zu diesem Thema von Herrn Henkel vor, daß die gessamte deutsche/eurpoäische Presse, einmal alle Politiker und Konzernlenker der letzten 60-70 Jahre (wir fangen am besten nach Hitler an! Oder gerne auch davor!), auflistet, samt Straftat und Strafe. Dann vergleichen wir das kurz mit einer Liste von Pressemitarbeitern/der Presse insgesamt.

Und zum Schluß mit dem jeweiligen Gesetz und dem jeweiligen Vorgehen der betroffenen, "unabhängigen Justiz".

Dann soll "Ottonormalverbraucher" selbst sehen, wo das eigentliche Problem liegt. Wir kleinen Leute sind anscheinend das Problem! Das große Geld wird anderswo gedreht..

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